Truppen auf dem Hauptplatz von Almaty, Kasachstan. | REUTERS

Unruhen in Kasachstan Tote und Verletzte bei Protesten in Almaty

Stand: 06.01.2022 14:27 Uhr

Bei den Protesten in Kasachstan sind laut Behördenangaben Dutzende Menschen getötet worden, mehr als 1000 wurden verletzt. Russland entsandte Soldaten, um die Regierung zu unterstützen. Die Lufthansa strich ihre Flüge nach Almaty.

Bei Ausschreitungen in Kasachstans Wirtschaftsmetropole Almaty hat es Berichten zufolge Tote und Verletzte gegeben. Menschen hätten in der Nacht versucht, verschiedene Polizeigebäude zu stürmen, zitierte der kasachische Fernsehsender Khabar 24 einen Sprecher des Innenministeriums, wie die russische Staatsagentur Tass meldete. Polizeisprecherin Saltanat Azirbek sagte, es habe in der Nacht weitere Versuche gegeben, Regierungsgebäude zu stürmen. "Dutzende Angreifer wurden liquidiert."

Nach Behördenangaben kamen bislang Dutzende Demonstrierende und mindestens 13 Sicherheitskräfte zu Tode. Mehr als 1000 Menschen wurden verletzt, wie das kasachische Gesundheitsministerium mitteilte. 400 Menschen seien in Krankenhäuser gebracht worden. Davon müssten mehr als 60 auf Intensivstationen behandelt werden. Unter den Verletzten sind nach Angaben des Stadtkommandanten von Almaty mehr als 350 Sicherheitskräfte.

Derzeit laufen an verschiedenen Stellen der Stadt Almaty Polizeieinsätze gegen Demonstranten. Einwohner seien aufgerufen worden, an sicheren Orten zu bleiben und Straßen zu meiden. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Tass meldete das Innenministerium bisher rund 2000 Festnahmen.

Hohe Treibstoffpreise - Auslöser für Proteste

Kasachstan erlebt derzeit die schwersten Straßenproteste seit seiner Unabhängigkeit vor drei Jahrzehnten. Auslöser war Unmut über deutlich gestiegene Treibstoffpreise an den Tankstellen des Landes, zumal Kasachstan schon seit Jahren unter Misswirtschaft und Armut leidet.

Am Mittwoch hatten Demonstranten laut Medienberichten die Residenz des Präsidenten in Almaty gestürmt und dort Feuer gelegt. Auch das Hauptverwaltungsgebäude mit dem Bürgermeisteramt brannte. Präsident Kassym-Schomart Tokajew kündigte daraufhin "maximale Härte" gegen "Gesetzesbrecher" an. Einen bereits für Almaty und die Hauptstadt Nur-Sultan bestehenden Ausnahmezustand wegen der Massenproteste weitete er auf das ganze Land aus.

Als Reaktion auf die teils gewaltsamen Proteste entließ Tokajew die Regierung, bevor in der Nacht dann das Militär in der Millionenstadt Almaty gegen die Protestierenden einschritt.

Karte: Kasachstan

Russland entsendet Fallschirmjäger

Zudem rief Tokajew das von Russland geführte Militärbündnis Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (OVKS) zu Hilfe. Der für Angelegenheiten ehemaliger Sowjetrepubliken zuständige Ausschussvorsitzende der russischen Staatsduma, Leonid Kalaschnikow, sagte der russischen Nachrichtenagentur Interfax, Russland sei zur Hilfe verpflichtet, dafür sei das Bündnis gegründet worden.

Am Morgen verlegte Russland Soldaten in das zentralasiatische Land. Es seien Fallschirmjäger entsandt worden, meldeten mehrere russische Staatsagenturen übereinstimmend unter Berufung auf die OVKS. Am Mittwoch hatte Russland noch erklärt, niemand dürfe von Außen in die Belange Kasachstans eingreifen.

EU mahnt: "Die Gewalt muss aufhören"

Der Kreml macht ausländische Kräfte für die Unruhen in Kasachstan verantwortlich. Es handele sich um einen aus dem Ausland gesteuerten Versuch, die Sicherheit und Integrität des Landes gewaltsam zu unterwandern, erklärte das russische Außenministerium. Präsident Tokajew sprach von im Ausland ausgebildeten Terroristenbanden.

Die EU rief indes zur Zurückhaltung auf. Die Souveränität Kasachstans müsse gewahrt werden. "Die Gewalt muss aufhören", sagte ein Sprecher der Europäischen Union.

China betrachtet Proteste als "innere Angelegenheit"

China sieht die Unruhen in seinem Nachbarland Kasachstan als "innere Angelegenheit" an. "Wir sind zuversichtlich, dass die Behörden angemessen mit der Situation umgehen können", sagte Außenamtssprecher Wang Wenbin. "Wir hoffen, dass sich die Lage stabilisiert und die normale soziale Ordnung wiederhergestellt wird."

Kasachstan und China pflegten eine umfassende strategische Partnerschaft, hob der Sprecher noch hervor. Auf die Entsendung von Soldaten aus Russland, Armenien, Belarus, Kirgistan und Tadschikistan in das zentralasiatische Land ging Wang Wenbin in seiner kurzen Stellungnahme nicht ein.

Bundesregierung rät von Reisen ab

Die Bundesregierung rät von Reisen nach Kasachstan ab. Das Auswärtige Amt teilte darüber hinaus mit, dass das deutsche Generalkonsulat in Almaty bis auf Weiteres geschlossen bleibe. Eine konsularische Betreuung sei nur über die Botschaft in der Hauptstadt Nur-Sultan möglich.

Die Lufthansa strich angesichts der schweren Unruhen Flüge nach Almaty. "Aufgrund der weiteren Entwicklung hat Lufthansa nun entschieden, bis auf weiteres keine regulären Flüge nach Almaty mehr anzubieten", teilte die Airline-Gruppe mit. Gestern hatten Demonstranten zeitweise den Flughafen in Almaty besetzt. Die Sicherheitskräfte brachten den Airport dann wieder unter Kontrolle. Auch andere Fluggesellschaften wie Flydubai und Air Arabia setzten Verbindungen nach Almaty aus.

Über dieses Thema berichteten am 06. Januar 2022 die tagesschau um 09:00 Uhr und tagesschau24 um 09:15 Uhr.