Menschen klettern auf ein Flugzeug am Flughafen in Kabul. | AFP

Taliban beziehen Posten Verzweifelte Fluchtversuche aus Kabul

Stand: 16.08.2021 17:59 Uhr

Dramatische Szenen am Flughafen von Kabul: Menschen sollen sich laut Augenzeugen an startende Flugzeuge geklammert haben, es wird von Toten berichtet. Die Taliban sind inzwischen überall in der afghanischen Hauptstadt präsent.

Nach der Übernahme Kabuls durch die radikalislamischen Taliban haben sich am Flughafen der afghanischen Hauptstadt dramatische Szenen abgespielt. Verzweifelte Menschen versuchten, in Flugzeuge zu gelangen. Zwischenzeitlich hielte sich Hunderte Menschen auf dem Rollfeld und der Start- und Landebahn auf.

Für Entsetzen sorgten insbesondere Aufnahmen, die zeigen sollen, wie Menschen aus großer Höhe aus einem Militärflugzeug fallen. Es wird vermutet, dass sie sich im oder am Fahrwerksschacht der Maschine aufhielten oder versucht hatten, sich am Flugzeug festzuhalten. Diese Angaben konnten bislang nicht unabhängig verifiziert werden. Ein Mann, der in der Nähe des Flughafens lebt, schrieb der Nachrichtenagentur dpa auf Facebook, auf einem benachbarten Dach sei eine dieser Personen gelandet. Er teilte Bilder und Videos der Leiche und schrieb, drei weitere Männer seien in der Nachbarschaft gefunden worden.

Fünf Tote auf dem Flughafen gemeldet

Bereits am Morgen hatte es Berichte gegeben, dass Tausende Menschen versuchten, einen Platz auf einem Evakuierungsflug zu bekommen. US-Soldaten, die den Flughafen absichern, feuerten Warnschüsse ab, um zu verhindern, dass Menschen die Startbahn blockieren.

Augenzeugen am Flughafen von Kabul berichten, mindestens fünf Menschen seien dort getötet worden. Ein Augenzeuge sagte, es sei unklar, ob sie in der Massenpanik gestorben oder ob sie erschossen worden seien.

Kommerzieller Verkehr eingestellt

Die Flughafenverwaltung stellte unterdessen den kommerziellen Flugverkehr ein. "Es wird keine kommerziellen Flüge vom Hamid-Karsai-Flughafen geben, um Plünderungen und Verwüstungen zu verhindern. Bitte begeben Sie sich nicht zum Flughafen", hieß es in einer an Journalisten versendeten Mitteilung. Auch die US-Botschaft in Kabul forderte auf Twitter US-Staatsangehörige und Afghanen auf, "nicht zum Flughafen zu reisen".

Mehrere Fluggesellschaften meiden den Luftraum über Afghanistan, darunter auch die Lufthansa-Gruppe mit allen zugehörigen Airlines.

US-Armee sichert Flughafen ab

Die USA kündigten an, dass die Truppen den Flughafen zunächst sichern wollen, bevor es ab Dienstag erneut Evakuierungsflüge geben kann. Die Soldatinnen und Soldaten würden "den Großteil des restlichen Tages" damit verbringen, die Lage am Flughafen wieder unter Kontrolle zu bringen, sagte US-Präsident Joe Bidens stellvertretender nationaler Sicherheitsberater Jon Finer.

Im Laufe des Tages und am Dienstag würden noch mehr US-Truppen am Flughafen ankommen, sagte Finer. Damit werde es "genügend Truppen geben, um die Sicherheit des Flughafens zu gewährleisten, damit es wieder Evakuierungsflüge für Zivilisten" geben könne, erklärte Finer weiter. Die US-Streitkräfte wollen in Kürze bis zu 5000 Soldaten am Flughafen stationiert haben. Ein Teil der Verstärkung ist schon vor Ort. Sie unterstützen die rund 1000 US-Soldaten, die bis Anfang letzter Woche noch zur Sicherung der Botschaft und des Flughafens in Afghanistan geblieben waren.

Ein US-Soldat richtet sein Gewehr auf einen afghanischen Mann auf dem Flughafen von Kabul. | AFP

Ein US-Soldat richtet sein Gewehr auf einen afghanischen Mann auf dem Flughafen von Kabul. Bild: AFP

Taliban-Kämpfer stehen vor dem internationalen Flughafen Hamid Karzai in Kabul Wache. | dpa

Taliban stehen vor dem Flughafen Wache. Bild: dpa

Taliban beziehen überall in Kabul Posten

Die Taliban haben währenddessen überall in Kabul Polizeistationen und andere Behördengebäude besetzt. Das sagten Bewohner der Stadt der Nachrichtenagentur dpa. Auch fuhren bewaffnete Kämpfer in Militär- und Polizeiautos sowie anderen ehemals staatlichen Fahrzeugen durch die Stadt. Gleichzeitig errichteten sie weitere Kontrollpunkte.

Aus dem Gesundheitsministerium hieß es in einer Erklärung, der amtierende Gesundheitsminister Wahid Madschroh habe sich mit der Gesundheitskommission der Taliban getroffen. Demnach bedankten sich beide Seiten für die Gesundheitsdienstleistungen in dem jeweils von der anderen Seite kontrolliertem Gebiet. Der von den Taliban vorgesehene Gesundheitsminister habe alle Mitarbeiter des Gesundheitsbereiches - Männer wie Frauen - dazu aufgerufen, ihre Aufgaben im gesamten Land wieder aufzunehmen.

Taliban-Kämpfer fahren auf einem Polizeifahrzeug in Kabul. | REUTERS

Taliban-Kämpfer fahren auf einem Polizeifahrzeug in Kabul. Bild: REUTERS

Gespräche zwischen Taliban und Politikern?

Inzwischen sollen Gespräche zwischen Politikern und Vertretern der Islamisten laufen. Das teilte ein Sprecher des ehemaligen Präsidenten Hamid Karsai mit. In einem ersten Schritt habe man betont, dass das Leben und das Vermögen der Bevölkerung sowie die öffentliche Infrastruktur geschützt werden müssten, sagte der Sprecher weiter. Einen Kommentar von Taliban-Seite gab es dazu zunächst nicht.

Nach Angaben Karsais ist ein Koordinierungsrat für eine friedliche Übergabe der Macht gebildet worden. Ihm gehören der Vorsitzende des Nationalen Versöhnungsrates, Abdullah Abdullah, der ehemalige Milizenführer Gulbuddin Hekmatjar und Karsai selbst an.

Es gab keine Angaben dazu, wo die Gespräche stattfinden und wer von Taliban-Seite daran teilnimmt. Es ist zudem insgesamt unklar, ob die Taliban dazu bereit sind, nach ihrem rasanten militärischen Erfolg die Macht mit anderen Politikern im Land zu teilen.

Tagung des UN-Sicherheitsrats

Als Entsandter der gestürzten afghanischen Regierung sprach der UN-Botschafter des Landes, Ghulam Isaczai, vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Er spreche im Namen von Millionen Afghanen, deren Schicksal unklar sei, vor allem für Millionen Frauen und Mädchen. Er höre bereits davon, dass die Islamisten die Häuser der Sechs-Millionen-Stadt Kabul durchkämmten. Der Sicherheitsrat müsse Afghanistan vor einem Bürgerkrieg bewahren, so Isaczai. Er forderte einen humanitären Korridor, um Hilfe über die Nachbarländer zu gewährleisten.

Zuvor hatte UN-Chef Antonio Guterres die radikal-islamischen Taliban zu "äußerster Zurückhaltung" aufgefordert, um so Leben zu schützen. Humanitäre Hilfe müsse weiter möglich sein, und alle Menschen, die das Land verlassen wollen, müssten dies tun können, forderte der Generalsekretär.

Mit Informationen von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. August 2021 um 16:00 Uhr.