US-Soldaten stehen auf dem Militärflughafen in Kabul Wache, während afghanische Bürger darauf warten, ein US-Militärflugzeug zu besteigen.

Warten am Flughafen Kabul "Hier gibt es einfach nichts"

Stand: 20.08.2021 10:17 Uhr

Der Afghane Aref S. war Bundeswehr-Ortskraft. Er wartet am Flughafen Kabul darauf, ausgeflogen zu werden - und berichtet über verzweifelte Menschen, falsche Hoffnungen und überforderte Sicherheitskräfte.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Aref S. ist wütend. "Wir waren die ganze Nacht wach hier. Jeder war wach. Kinder haben geweint. Es gibt keine Toiletten, hier gibt es nichts", sagt er. S. ist am Kabuler Flughafen, am Nordtor vor dem militärischen Bereich.

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

"Die Bundeswehr hat uns angerufen: Bitte kommt sofort an den Flughafen. Sie haben betont, so schnell wie möglich zu kommen," sagt er. "Aber als wir hierher kamen, mussten wir alle die ganze Nacht wach bleiben. Mit unseren Kindern, Schwestern, Ehefrauen, Müttern. Die werden krank hier. Hier gibt es keine Decke, nichts zu essen, hier gibt es einfach nichts."

Falsche Versprechen locken die Menschen an

Der Journalist S. ist eine ehemalige Ortskraft der Bundeswehr. Er hat für ein Medienzentrum im nordafghanischen Masar-i-Scharif gearbeitet, wurde dort von Bundeswehroffizieren angeleitet. S. schrieb Texte und machte Videos für die lokale Bevölkerung - und ist deshalb wohl gefährdet.

Fünf Tage ist er schon in Kabul, mit seiner Frau und kleinen Tochter. Erst war nicht klar, ob er überhaupt auf der Liste der zu Schützenden steht. Jetzt weiß er es, aber es nützt ihm nicht viel. Denn es sind einfach zu viele Menschen hier.

"Das ist nicht die Schuld der Leute, die hier vor dem Nordtor stehen", meint S. "Es ist das Problem des Typs mit dem Lautsprecher, der US-amerikanischen und der deutschen Soldaten, den Leuten zu sagen, dass jeder eine Chance bekommen wird, auf den Flughafen zu gelangen."

Nicht gefährdet, aber verzweifelt

Selbst Kartoffelhändler, Gemüsehändler, die überhaupt nicht in Gefahr seien, kämen zum Flughafen und und verstopften alles, sagt S. "Die sind doch nicht in Gefahr, die sind doch keine Ortskräfte der Deutschen. Das ist das Problem."

Die Taliban-Sicherheitskräfte halten anscheinend keinen ab, zum Flughafen zu kommen. Es gibt zwar Kontrollpunkte, aber wer will, kommt durch - und deshalb gibt es seit Tagen Tumulte. Es sind viele Menschen aus den Provinzen, sie haben gehört, dass es hier Flüge ins Ausland gibt. Sie sind oft wohl nicht gefährdet, dafür aber verzweifelt.

Luftaufname vom Flughafen in Kabul: oben der militärischen Bereich, unten der zivile Bereich. | ARD-aktuell

Bild: ARD-aktuell

Überforderte afghanische Sicherheitskräfte schießen in die Luft, manchmal knapp über die Köpfe. Sie versuchen, die Menge zumindest etwas unter Kontrolle zu bringen. Es gibt auch Verletzte, Menschen, die stürzen, aber von gezielten Schüssen auf Menschen berichtet keiner.

Ausfliegen von Ortskräften klappt oft nicht wie geplant

Wer wirklich ausgeflogen werden soll, bekommt einen Anruf von den Deutschen, dann soll er hierher kommen ans Nordtor. Wenn klar ist, dass er die Berechtigung hat, könne alles schnell gehen, sagte der deutsche Kontingentschef Jens Arlt gestern deutschen Journalisten.

"Und dann werden sofort die Maßnahmen ergriffen", so Arlt. "Das nennen wir sozusagen die Elemente haben, dass sie ganz schnell sagen: Ich bin da, ich bin mit meiner Familie da. Ich habe die Ausweise, dann sind wir da. Und dann holen wir die Kräfte rein."

Doch das klappt oft nicht - und deshalb sind Menschen wie S. immer noch in Gefahr. Er ist bei weitem kein Einzelfall. Mehrere Ortskräfte haben dem ARD-Studio Südasien genau das geschildert, was er erzählt. S. hofft, dass sie es hier noch in den Griff kriegen - und er und seine Familie bald in Sicherheit sind.

Ich würde vorschlagen, dass die US-amerikanischen Soldaten dem Typen mit dem Lautsprecher sagen: Hört auf, euch hier aufzustellen vor dem Nordtor. Damen und Herren, bitte, wenn Sie keinen Reisepass haben, keinen Personalausweis, und Sie auch keinen Anruf von den deutschen Diplomaten bekommen haben, dann sollten Sie hier nicht rumstehen. Bitte gehen Sie nach Hause. Bringen Sie nicht Ihre Kinder hierher, Ihre Mütter, Ihre Ehefrauen. Sie könnten verletzt werden, eine Kugel abkriegen oder Tränengas. Das ist das Problem. Sie könnten die ganze Evakuierung organisieren, aber sie tun es nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. August 2021 um 08:38 Uhr.