Menschen drängen sich am Flughafen von Kabul.

Afghanistan Brenzlige Lage am Flughafen Kabul

Stand: 23.08.2021 18:08 Uhr

Die Situation am Flughafen Kabul wird immer gefährlicher, die Bundeswehr ist nun auch außerhalb des Geländes im Einsatz. Es gab einen Schusswechsel mit einem Toten. Die Taliban wollen den Evakuierungseinsatz nur bis zum 31. August dulden.

Die Lage am Flughafen Kabul bleibt weiterhin unübersichtlich und chaotisch - und wird offenbar immer gefährlicher, auch für die Bundeswehr. Weil der Zugang zum Flughafen immer schwieriger wird, ist die Truppe nun auch außerhalb des massiv gesicherten Geländes im Einsatz, um Menschen in Sicherheit zu bringen.

Daran sind übereinstimmenden Berichten zufolge auch Elitesoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) beteiligt. Zwei deutsche Hubschrauber, die zur Evakuierung von gefährdeten Menschen aus dem Stadtgebiet nach Afghanistan gebracht worden waren, kamen laut Verteidigungsministerium bisher nicht zum Einsatz. "Die Luftsicherheit muss gegeben sein und es muss stets abgewogen werden, ob der Einsatz der Helikopter wirklich die beste Möglichkeit ist", erklärte dazu ein Sprecher des Ministeriums.

Es sei im Moment fast nicht mehr möglich, zum Flughafen zu gelangen, begründete Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer den Schritt, die Bundeswehr vor den Toren des Flughafens einzusetzen. "Deswegen müssen wir sehr viel stärker dazu übergehen, die Leute sozusagen abzuholen. Das tun wir."

Angst vor Terroranschlägen anderer Gruppen

Sie bezeichnete die Lage in der afghanischen Hauptstadt als sehr angespannt und bestätigte auch, dass es zunehmend Terrordrohungen gebe. "Wir haben unglaublich viele Flüchtlinge in der Stadt, wir haben eine verschlechterte Versorgungslage, wir haben zunehmend auch Drohungen auch von anderen terroristischen Gruppen", sagte die CDU-Politikerin bei "Bild TV". Weitere Einzelheiten nannte sie nicht. Die USA hatten am Sonntag vor Anschlägen durch die Terrororganisation "Islamischer Staat" gewarnt.

"Die Lage ist unverändert schwierig, ich würde sie als dramatisch bezeichnen vor den Toren", so fasst es der ranghöchste deutsche Soldat, Generalinspekteur Eberhard Zorn, zusammen: "Die Zusammenballung derer, die in das Flughafengelände hinein wollen, ist enorm hoch. Es entstehen zusätzliche Gewaltpotentiale."

Maas stellt Fünf-Punkte-Plan vor

Die Bundesregierung redet nach Angaben von Bundesaußenminister Heiko Maas derzeit mit den USA und der Türkei darüber, ob der Flughafen in Kabul auch zivil weiter betrieben werden kann. Man stehe dazu auch mit den Taliban in Kontakt.

Die Gespräche zur zivilen Nutzung des Flughafens sind Teil eines Fünf-Punkte-Plans, den Maas in Berlin vorgestellt hat. Man spreche zweitens mit den Nachbarstaaten Afghanistans, damit diese Flüchtlinge aufnehmen, die das Land auf dem Landweg verlassen. Dafür habe man 100 Millionen Euro bereitgestellt, so Maas.

Zudem sollten deutsche Botschaften in den Nachbarstaaten Menschen schnell und unkompliziert Visa für eine Einreise nach Deutschland ausstellen. Viertens werde dort das Personal in den diplomatischen Vertretungen aufgestockt, um einen reibungslosen Ablauf zu ermöglichen. Fünftens werde das Programm für besonders gefährdete Afghaninnen und Afghanen um weitere zehn Millionen Euro erhöht, so der SPD-Politiker.

Im Zuge der Evakuierungsaktion der Bundeswehr sind unterdessen zwei weitere Flieger mit insgesamt 378 Schutzbedürftigen an Bord aus Kabul im usbekischen Taschkent gelandet. Das teilte die Bundeswehr auf Twitter mit. Einer der Militärtransporter des Typs A400M hatte auf seinem Hinflug in die afghanische Hauptstadt auch Hilfsgüter für die Menschen am Flughafen an Bord, darunter Lebensmittel und Kleidung.

Bundeswehr hat bisher 3000 Menschen ausgeflogen

Seit dem Start ihrer Evakuierungsaktion habe die Bundeswehr mehr als 3000 Menschen aus Kabul ausgeflogen, teilte das Verteidigungsministerium mit. Darunter waren laut Auswärtigem Amt mehr als 1800 Afghanen.

Die USA teilten mit, das Tempo der Evakuierungen am Flughafen von Kabul habe insgesamt an Fahrt aufgenommen. Bis zum frühen Morgen seien binnen 24 Stunden mit 28 US-Militärflügen etwa 10.400 Menschen aus Kabul ausgeflogen worden, hieß es aus dem Weißen Haus. Zusätzlich hätten 61 Flugzeuge verbündeter Nationen 5900 Menschen in Sicherheit gebracht.

Ein Toter bei Schusswechsel

Am Montagmorgen waren deutsche Soldaten vor dem Flughafen erstmals in ein Feuergefecht mit unbekannten Angreifern verwickelt worden. Eine afghanische Sicherheitskraft wurde dabei getötet, drei weitere verletzt.

Zu dem Schusswechsel am Flughafen kam es nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr am Nordtor des Flughafens, vor dem seit Tagen Tausende Menschen warten, um auf einen der Evakuierungsflüge zu kommen. An dem Abwehrgefecht beteiligten sich offensichtlich vor allem Soldaten der inzwischen aufgelösten afghanischen Armee, die an der äußeren Zugangsschleuse zum Flughafen eingesetzt sind.

Aber auch US-Soldaten, die die innere Zugangsschleuse bewachen, und Bundeswehrsoldaten griffen in das Abwehrgefecht ein. Die verletzten afghanischen Soldaten wurden von norwegischen Sanitätern auf dem Flughafengelände behandelt. Die Nichtregierungsorganisation Emergency berichtete, es habe sogar mindestens sechs Verletzte mit Schusswunden gegeben. Es sei aber keiner der Angeschossenen in Lebensgefahr.

Dauer der Rettungsaktion unklar

Für die Rettungsaktion bleibt insgesamt nicht mehr viel Zeit. Die militant-islamistischen Taliban wollen einer Verlängerung der Evakuierungsmission über den 31. August hinaus nicht zustimmen. Diese Frist sei eine "rote Linie", sagte ein Taliban-Sprecher dem britischen Nachrichtensender Sky News. "Wenn sie vorhaben, die Besatzung zu verlängern, wird das eine Reaktion hervorrufen".

Die NATO will derzeit kein konkretes Datum für ein Ende der Evakuierungsflüge nennen. "Die Lage am Flughafen in Kabul bleibt extrem herausfordernd und unberechenbar", sagte ein Bündnissprecher in Brüssel. Gemeinsam mit alliierten Truppen werde daran gearbeitet, die Evakuierungen fortzusetzen.

G7-Sondergipfel am Dienstag

Die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industrienationen sowie Vertreter der EU wollen am Dienstag bei einem Sondergipfel über die Situation in Afghanistan und über eine mögliche Verlängerung des Evakuierungseinsatzes sprechen.

Der Zeitplan der USA sieht eigentlich vor, alle Truppen bis zum 31. August abzuziehen, was bedeuten würde, dass der Evakuierungseinsatz für Ausländer und durch die Taliban gefährdete Afghanen vermutlich schon Ende dieser Woche enden müsste. Zuletzt hat US-Präsident Joe Biden allerdings angekündigt, dass die US-Regierung im Gespräch mit dem Militär über eine mögliche Verlängerung über das Monatsende hinaus ist. Mehrere NATO-Partner unterstützen das, etwa Großbritannien und Frankreich.

Taliban erobern Gebiete zurück

Die Taliban sollen nach Angaben eines Sprechers in Nordafghanistan drei Bezirke zurückerobert haben, die unter die Kontrolle lokaler Milizen gefallen waren. Dabei gehe es um die Bezirke von Badachschan, Tachar und Andarab.

Die Taliban erklärten zudem, das Pandschir-Tal, die letzte nicht von ihnen nicht kontrollierte Provinz, sei von ihren Kämpfern eingeschlossen. Zunächst solle aber auf einen Dialog gesetzt werden. In dem Tal etwa 150 Kilometer nördlich von Kabul hat Ahmed Massoud, Sohn des früheren Nordallianz-Führers Ahmend Shah Massoud, gemeinsam mit dem früheren afghanischen Vizepräsidenten Amrullah Saleh zum Widerstand aufgerufen.

Mit Informationen von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichtete am 23. August 2021 tagesschau24 um 11:00 Uhr und 16:00 Uhr sowie die tagesschau um 17:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Sisyphos3 23.08.2021 • 23:33 Uhr

23:16 von schabernack

Das können Sie gar nicht wissen, wie in anderen Ländern Europas diese Frage diskutiert wird. Weder leben Sie in einem anderen Land als Deutschland. Schon gar nicht können Sie (x) verschiedene Landessprache, so dass Sie sich auch nicht aus erster Hand und Ohr und Auge informieren können. ------------ also Österreich will mal keine Afghanen aufnehmen so weit habe ich den österreichischen Aussenminister - der spricht deutsch - verstanden wobei auch in Deutschland herrscht keine einheitliche Meinung zum Thema Asyl