Israelische Polizisten fordern flüchtende Palästinenser auf, sich aus der Altstadt, wo es zu schweren Zusammenstößen kommt, zurückzuziehen. | AFP

Israel Gewalt erschüttert Jerusalem

Stand: 10.05.2021 13:37 Uhr

Seit Freitag gibt es Ausschreitungen in Jerusalem. Sie sind nun weiter eskaliert. Mehr als 300 Menschen wurden verletzt. Israelis und Palästinenser beschuldigen sich gegenseitig.

Von Benjamin Hammer,  ARD-Studio Tel Aviv

In Jerusalem spielen sich dramatische Szenen ab, wie ein Handy-Video zeigt. Vor der Altstadt von Jerusalem steht ein israelischer Polizist mit gezogener Waffe, neben ihm ein blutender Israeli. Der Mann rammte den Aufnahmen zufolge mit seinem Auto einen Palästinenser. Zuvor hatten Palästinenser sein Auto angegriffen. Die israelische Polizei sagt, dass der Mann deshalb die Kontrolle über sein Auto verloren habe.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Das Video zeigt, wie unterschiedlich die beiden Konfliktparteien die Lage bewerten. Pro-israelische Stimmen auf Twitter schreiben von einem arabischen Lynchmob. Palästinenser von einem gezielten Versuch des Israelis, einen Palästinenser zu töten.

Feuerwerkskörper und Tränengas in einer heiligen Stätte

Auch ein anderes Video wird unterschiedlich interpretiert. Es zeigt Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Grenzpolizisten in einer der heiligsten Stätten des Islam: der Al-Aksa-Moschee. Palästinenser werfen mit Steinen und Feuerwerkskörpern. Israelische Sicherheitskräfte setzen Tränengas und Schockgranaten ein.

Die palästinensische Seite wirft Israel Angriffe auf die heilige Stätte vor. Die israelische Seite entgegnet, Palästinenser hätten bereits in der Nacht viele Steine in der Moschee gehortet. Dutzende Palästinenser mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Beide Seiten wissen, dass ein Todesopfer auf einer der beiden Seiten zu einer noch schwereren Eskalation führen könnte.

Israels Premierminister Benjamin Netanyahu hatte ein entschiedenes Vorgehen der Polizei angekündigt. Israel werde es nicht zulassen, dass Extremisten die Ruhe in Jerusalem störten.

Flaggenmarsch könnte Situation anheizen

Heute feiert Israel den Jerusalem-Tag und erinnert an die Eroberung Ost-Jerusalems im Jahr 1967. Aus israelischer Sicht wurde ihre Hauptstadt damals wiedervereinigt. Völkerrechtlich war die Annexion illegal. Die Palästinenser beanspruchen Ost-Jerusalem als eigene Hauptstadt.

Die israelische Polizei entschied sich, Juden den Zugang zum Tempelberg, auf dem die Al-Aksa-Moschee liegt, heute zu verwehren. Ein Flaggenmarsch jüdischer Nationalisten durch die Stadt soll aber stattfinden. Israelische Sicherheitsexperten hatten zuvor eine Absage empfohlen, damit die Lage nicht weiter angeheizt wird. Mosche Leon, Jerusalems Bürgermeister, sagte im israelischen Radio:

Jede Entscheidung der Polizei wird von mir unterstützt. Ich finde es richtig, dass sie sich nicht geschlagen gibt. Sie hat die Verantwortung über Menschenleben. Den Marsch allerdings gibt es seit vielen Jahren. Darauf hat sich die Polizei vorbereitet. Wenn die Route geändert werden muss, werden sie sie ändern." 

Hoffen auf das Ende des Ramadan

Alon Ben David ist Sicherheitsexperte beim israelischen Fernsehkanal 13. Aus seiner Sicht ist der heutige Tag für den weiteren Verlauf der Krise entscheidend: "Der Jerusalem-Tag ist der problematischste Tag dieser Woche. Wenn wir den hinter uns bringen, haben wir nur noch zwei Nächte bis zum Ende des Ramadan. Wenn wir den Mittwoch relativ ruhig erreichen, kann es sein, dass wir die Krise dann bereits hinter uns haben."

Die Stimmung bei Palästinensern auf den Straßen von Jerusalem ist teilweise eine andere. Dieser Mann gibt im israelischen Fernsehen Israel die Schuld an der Eskalation: "Sie machen hier die Unruhen. Sie ertragen es nicht, einen Muslim zu sehen, der eine Moschee betritt, um dort zu beten. Wir werden die Situation weiter aufheizen und die andere Seite auch. Aber wir sind bereit, eine Intifada zu starten."

Israel betont, Muslimen in Jerusalem die Ausübung ihrer Religion zu ermöglichen. Dass aus dieser Krise eine neue Intifada erwächst, halten die meisten Beobachter bislang für unwahrscheinlich.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. Mai 2021 um 14:00 Uhr.