Ein Mann hält Munition in die Höhe | REUTERS

Jemen Vor dem Kollaps

Stand: 20.06.2021 09:10 Uhr

Kaum noch Nothilfe, immer weniger Elektrizität und Trinkwasser: Nach UN-Einschätzung droht dem Jemen der völlige Kollaps. Auch, weil die Kämpfe unerbittlich anhalten - und vor dem kulturellen Erbe nicht haltmachen.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

Die Exponate der jemenitischen Museen zählen zu den kostbarsten auf der Arabischen Halbinsel. Das Nationalmuseum der Hauptstadt Sanaa zum Beispiel besitzt unter anderem vergoldete arabische Säbel und Helme, zwei bronzene Löwenstatuen aus dem antiken Königreich Qataban, eine Statue aus dem Königreich von Saba - Stücke, die manchmal mehr als 2000 Jahre alt sind.

Jürgen Stryjak ARD-Studio Kairo

Aber wegen des Krieges sei das Museum geschlossen, erzählt Direktor Ibrahim al-Hadi. Die Luftangriffe der von Saudi-Arabien geführten Koalition hätten auch Gebäude rund ums Museum getroffen. Ausstellungsstücke seien zerstört worden, das Gebäude habe Risse bekommen.

Ein Mann läuft am zerstörten Nationalmuseum in Taiz, Jemen vorbei | REUTERS

Das Nationalmuseum in Taiz hat einen Großteil seiner Bestände durch den Krieg verloren - auch an Kunsträuber und Schmuggler. Bild: REUTERS

Plündern und schmuggeln

Das gleiche Trauerspiel in Taiz, 200 Kilometer südlich. Auch hier, in der von Huthi-Aufständischen belagerten Stadt, fiel das Museum dem Krieg zum Opfer, schildert Direktor Ramzi al-Damimi. Teile des Gebäudes seien beschädigt worden, und obwohl das Museum historisch bedeutsam sei, seien die Sammlungen geplündert und manche Ausstellungssäle niedergebrannt worden.

Rund 70 Prozent aller Exponate sollen gestohlen worden sein. Für die Diebe ein profitables Geschäft, sagt Museumsmitarbeiter Ahmed Jassar. Es sei bekannt, dass viele Ausstellungsstücke sogar ins Ausland geschmuggelt wurden. Das, so Jassar, sei nicht einfach - "nur einflussreiche Leute mit internationalen Beziehungen schaffen das".

Ein Symbol für den Zusammenbruch

Wenn im Jemen Kulturgüter beschädigt oder gestohlen werden, sterben meistens keine Menschen, aber es macht einmal mehr deutlich, dass der Zusammenbruch des Landes immer weiter voranschreitet. 

Und hier stoßen Hilfsorganisationen bei dem Versuch, Menschenleben zu retten, an ihre Grenzen. Es gelingt nicht, genug Lebensmittel und Medikamente bereitzustellen. Gleichzeitig zerfällt die jemenitische Infrastruktur. Oft gibt es nur noch wenige Stunden pro Tag Elektrizität.

Wegen der Stromunterbrechungen würden die Elektrogeräte kaputt gehen, die Ventilatoren, Kühlschränke und Klimaanlagen, klagt eine Frau aus der Hafenstadt Aden. Auch der Verwaltungsbeamte Shahim Mastour ist verzweifelt - die Regierung würde die Menschen nicht mit Strom versorgen, die Gehälter würden nicht gezahlt - "die Leute haben das alles satt".

Aber ohne Strom können keine Wasserwerke betrieben werden und auch keine Kliniken in dem Umfang, der dringend benötigt wird. Nur noch jede zweite Gesundheitseinrichtung sei funktionsfähig, teilte das Kinderhilfswerk UNICEF mit. Rund 2,3 Millionen Kinder unter fünf Jahren litten unter Mangelernährung, fast eine Viertelmillion Kinder würde "ums nackte Überleben" kämpfen. Dem Jemen drohe der Kollaps. 

Kompromisslose Angriffe

Und ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht. Die vom Iran unterstützten Huthi-Aufständischen wollen derzeit vor allem die strategisch wichtige Stadt Marib erobern. Die Aussicht auf Erfolg macht sie kompromisslos.

Ihre Feinde - die Regierungstruppen und die saudisch geführte Militärkoalition an ihrer Seite - sind in der Defensive. Womöglich hat Saudi-Arabien deshalb jetzt angekündigt, die Angriffe gegen die Huthis einzustellen: Man wolle den Boden für eine politische Lösung bereiten. Wenn dies misslingt, wird vor allem die Zivilbevölkerung weiter leiden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. Juni 2021 um 09:51 Uhr.