Ein Mann hält die einer Kirschblüte nachempfundene olympische Fackel

Olympische Fackel Ein Lauf gegen die Olympia-Skepsis

Stand: 25.03.2021 02:33 Uhr

Trotz der Pandemie hält Japan an den Olympischen Spielen in diesem Jahr fest. Heute startet der Fackellauf in einer belasteten Region. Vorfreude will bei allen Bemühungen nicht recht aufkommen.

Von Gabor Halasz, NDR 

Es wird Frühling in Japan, die Kirschbäume beginnen zu blühen. Die Menschen zieht es in die Parks - trotz Corona. Es ist eigentlich eine Zeit der Hoffnung, des Aufbruchs. Eine Zeit, um neuen Mut zu finden.

Gabor Halasz

Und so ist es kein Zufall, dass die olympische Fackel, die ab heute durch das Land getragen wird, an eine Kirschblüte erinnert. Und das Organisationskomitee spricht von einem Lauf, der "Hoffnung quer durch Japan trägt". Soweit die Theorie. 

In einem Park in Tokio bestaunen Besucher die Kirschblüten, während ein Mitarbeiter mit einem Schuld um Beachtung des Abstandsgebots bittet. | EPA

Wenn schon bestaunen, dann möglichst mit Abstand: Die Bitte auf einem Schild findet in Torkio derzeit wenig Beachtung. Bild: EPA

Laufen im einstigen Katastrophengebiet

Zuerst gehen die Fußballnationalspielerinnen auf die Strecke. Sie starten von einem riesigen Trainingsgeländer, dem J-Village. Es liegt nur wenige Kilometer von der Ruine des Atomkraftwerkes Fukushima Daichi entfernt. Nach der Katastrophe war hier das Hauptquartier der Krisenmanager, danach wurde viel investiert. Heute wird die Anlage gern vorgezeigt, um zu beweisen, was sich getan hat.

Es ist deshalb auch kein Zufall, dass der Fackellauf in der Region Fukushima beginnt. Denn Fukushima wird mit der dreifachen Katastrophe verbunden: Erdbeben, Tsunami und Atom-GAU. Noch immer sind Gebiete rund um das AKW radioaktiv verstrahlt. Menschen kehren nur zögerlich zurück.

Olympia soll der Region ein anderes Image geben. Japan spricht von Spielen des Wiederaufbaus. Ein Imagewechsel wäre allerdings schon ohne Corona schwierig, dann zwang die Pandemie Japan vor genau einem Jahr, die Spiele zu verschieben. Nun sollen sie unter allen Umständen stattfinden. Doch wegen der Pandemie sind beim Start des Fackellaufs keine Zuschauer erlaubt. Nur am Rande der Strecke darf mit viel Abstand angefeuert werden. 

In Iwaki in der Präfektur Fukushima (Japan) zeigt ein Geigerzähler vor Olympischen Flaggen die Radioaktivität an | REUTERS

Das Thema Radioaktivität begleitet die Läufer durch die Präfektur Fukushima - hier zeigt ein Geigerzähler den aktuellen Wert an. Bild: REUTERS

Alle sollen den Fortschritt sehen

Yuichi Hayasaki hatte sich das anders vorgestellt - er darf heute für 200 Meter die olympische Fackel tragen. Yuichi ist 13 Jahre alt und lebt in Minamisoma. Eine Stadt, die vor zehn Jahren auch vom Tsunami getroffen und die teilweise zur Sperrzone wurde. "Uns geht es wieder gut hier!", sagt Yuichi im Interview mit dem ARD-Studio Tokio. "Das will ich den Menschen in Japan und überall in der Welt zeigen."

Yuichi Hayasaki | Gabor Halasz

Yuichi Hayasaki aus Minamisoma darf die olympische Fackel für 200 Meter tragen. Bild: Gabor Halasz

Doch das wird schwer. Denn Japan hat am Wochenende entschieden: Ausländische Zuschauer dürfen nicht zu den Spielen anreisen. Ob Japanerinnen und Japaner in die Stadien dürfen, ist noch nicht entschieden. Schon jetzt haben sich Milliardenverluste angehäuft.

Es werden traurige Tage im Sommer; vom olympischen Geist wird wenig zu spüren sein. Normalerweise trifft sich die Welt und feiert ein Fest. In Tokio geht es vor allem um Hygienekonzepte - darum, Ansteckungen zu verhindern. Die Sportlerinnen und Sportler müssen im Olympischen Dorf bleiben, werden alle paar Tage getestet. Die Absage an ausländische Zuschauer tue ihm wirklich leid, so sagte es IOC-Präsident Thomas Bach vor einigen Tagen. "Wir haben von Anfang an gesagt: Die verschobenen Spiele durchzuführen - während einer Pandemie - erfordert Opfer von allen." 

Rückstand bei der Impfquote

Japan ist bislang verhältnismäßig gut durch die Pandemie gekommen: Knapp 460.000 Fälle registrierte das Land, in dem etwa 125 Millionen Menschen leben. Über Monate galt ein Notstand, Ausländer dürfen bis auf wenige Ausnahmen nicht einreisen. Aber erst seit Mitte Februar wird in Japan geimpft, das Land ist damit das langsamste unter den G7-Staaten: Die Impfquote liegt nur bei 0,03 Prozent. 

Die Angst ist groß, Olympia könne zu einem Superspreader-Ereignis werden und auch neue Mutationen ins Land bringen. Deswegen sind nur noch zehn Prozent der Japaner dafür, die Spiele wie geplant durchzuführen. Jeder Dritte möchte sie erneut absagen. Begeisterung ist nicht zu erkennen.

Zahlreiche Skandale

Das liegt auch an zahlreichen Skandalen. Im Februar musste der Organisationschef Yoshiro Mori wegen sexistischer Kommentare zurücktreten. Es folgte ein Aufschrei, und seine Nachfolgerin wurde eine Frau - die bisherige Olympia-Ministerin Hashimoto.

Sie verspricht "Hoffnung, Energie und Kraft". Doch vor einigen Tagen folgte die nächste Blamage: Der Kreativdirektor der Spiele, Hiroshi Sasaki, schlug vor, bei der Eröffnungsfeier die Künstlerin Naomi Watanabe im Schweinekostüm einfliegen zu lassen. Auch er musste gehen. 

Ein Teenager will Hoffnung schenken

Es läuft gar nicht gut. Zahlreiche Prominente haben für den Fackellauf bgesagt. Für Yuichi Hayasaki kommt das nicht in Frage. Er hat Monate auf den heutigen Tag hingefiebert und sagt, er wolle den Menschen Hoffnung geben. Denn "es gibt wegen Corona gerade viele Leute, die sehr leiden".

Vor einigen Jahren malte Yuichi mit seinen Freunden Kirschblüten,, als ein bekannter Designer die Schule besuchte. Als Tokujin Yoshioka die Bilder sah, hatte er die Idee, die olympische Fackel solle an eine Kirschblüte erinnern. "Als ich die Fackel entwarf, dachte ich an das Erblühen der Kirschblüten",, sagt er im Interview mit dem ARD-Studio Tokio. "Ich hielt es für wunderbar, wenn es ein Fackellauf nach diesem Vorbild werden könnte."

Es wäre eine dieser Geschichten, die Hoffnung machen. Doch dafür ist im Moment nicht die Zeit. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. März 2021 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.