Menschen demonstrieren auf einer Straße bei Nazareth (Israel) mit Plakaten für Frieden in Nahost | Benjamin Hammer/ARD Tel Aviv
Reportage

Israel "Wir sind klüger als die Extremisten"

Stand: 19.05.2021 12:53 Uhr

Bilder von brutaler Gewalt zwischen Juden und Arabern in Israel haben weltweit für Entsetzen gesorgt. Doch in vielen Orten funktioniert das Zusammenleben.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Kirjat Tiw’on im Norden Israels liegt in einer besonderen Gegend. Dörfer mit jüdischer und arabischer Mehrheit sind hier dicht beieinander. Trotzdem blieb es hier in den vergangenen Tagen weitgehend ruhig, während es in anderen Teilen des Landes zwischen Juden und Arabern zu bürgerkriegsähnlichen Szenen kam.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Der Autor Ofer Waldman sagt, verglichen mit anderen Gegenden Israels gebe es in in seinem Heimatort "eine Art gelebte Koexistenz". Das habe sich auch in der vergangenen Woche gezeigt, als man sehr darauf geachtet habe, ein Zeichen zu setzen, "dass Juden und Araber - hier zumindest - sich weigern, als Feinde begriffen zu werden".

In der Stadt Lod wurde in den vergangenen Tagen eine Synagoge in Brand gesetzt. In Jaffa wurde ein arabischer Junge durch einen Brandsatz schwer verletzt. In Kirjat Tiw’on geschah so etwas nicht.

Nicht alles sei perfekt, sagt Waldman. Die Bildungssysteme seien getrennt. Und nicht jede Familie habe Freunde in der anderen Bevölkerungsgruppe. Aber zumindest gebe es keine Berührungsängste.

Ofer Waldman | Benjamin Hammer/ARD Tel Aviv

Wehrt sich gegen den feindseligen Blick auf die jeweils andere Gruppe: der Autor Ofer Waldman. Bild: Benjamin Hammer/ARD Tel Aviv

Wirtschaftliche Gleichheit wirkt sich aus

Ein Grund für das gute Zusammenleben, sagt Ofer, sei die relativ hohe wirtschaftliche Gleichheit. Eine gebildete Mittelschicht lebe sowohl in den jüdischen als auch in den arabischen Orten. Doch nun eskaliert der arabisch-jüdische Konflikt, eskaliert der Konflikt zwischen Israel und der Hamas, schlagen die Spannungen in Ost-Jerusalem und mehreren israelischen Städten in Gewalt um. Ofer spricht von der "härtesten Probe für diese Koexistenz, die wir je erlebt haben". Und doch ist er überzeugt: "Wir bestehen sie ziemlich meisterhaft."

Bilder mit Friedensbotschaften und Zeichnungen stehen auf einer Bank. | Benjamin Hammer/ARD Tel Aviv

Friedensbotschaften von Kindern an einer Straße bei Kirjat Tiw’on: Der Wunsch nach einem Ende der Gewalt ist groß. Bild: Benjamin Hammer/ARD Tel Aviv

Eine Kundgebung für Zusammenhalt

An der Straße nach Nazareth stehen etwa 50 bis 100 Demonstranten. Juden und Araber stehen zusammen für Einheit statt Spaltung. Nicht allen gefällt das. Ein jüdischer Israeli steigt aus dem Auto und beschimpft die Menge: Sie seien Israelhasser und sollten doch in den Gazastreifen gehen. Die Aktivisten machen weiter.

Auch Salim Abbas ist gekommen. Er ist arabischer - viele sagen auch: palästinensischer Israeli. Abbas stammt aus Nazareth und engagiert sich in der jüdisch-arabischen Organisation "Standing Together", die in diesen Tagen Demos im ganzen Land organisiert.

Abas ist wütend. Wirft der israelischen Regierung vor, dass bei Ausschreitungen fast nur gegen Araber vorgegangen werde, nicht gegen extremistische Juden. Trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen will er weiter mit seinen jüdischen Mitstreitern demonstrieren: "Ich weiß, dass ich der jüdischen Seite Hoffnung gebe, dass wir die Lage gemeinsam ändern können", sagt er. "Das kann uns Kraft geben, die Dinge zu verbessern."

Salim Abbas | Benjamin Hammer/ARD Tel Aviv

Versucht, Juden und Araber zusammenzubringen: Salim Abbas. Bild: Benjamin Hammer/ARD Tel Aviv

Ein Verein für das Zusammenstehen

Auch die Jüdin Einat Lichtinger engagiert sich bei "Standing Together". Zusammen mit einem Araber ist sie die Vorsitzende des Kreisverbandes. Lichtinger weiß natürlich, dass ihre Bewegung in diesen Tagen nicht gerade den zentralen Rabin-Platz in Tel Aviv mit einer Demo füllen kann. Aber sie ist überzeugt, dass sie eine Mehrheit der Israelis repräsentiert.

Es gebe Extremisten auf beiden Seiten, sagt sie, und dass sie glaube, dass dafür die israelische Regierung die Verantwortung trägt: "Sie hat in Ost-Jerusalem ein Feuer entfacht, gemeinsam mit der Hamas."

Einat Lichtinger | Benjamin Hammer/ARD Tel Aviv

Überzeugt, dass die Mehrheit in Israel gegen die Gewalt ist: Einat Lichtinger. Bild: Benjamin Hammer/ARD Tel Aviv

Wer wird sich durchsetzen?

In diesen Tagen wirkt es häufig so, als stehe die Region an einem Scheideweg - zwischen dem Wunsch der Extremisten, allein zu herrschen und einer immer noch existierenden Mehrheit, die auf Kompromisse setzt. Einat Lichtinger von "Standing Together" ist überzeugt, dass sich ihre Seite durchsetzen wird. Weil sie sich durchsetzen muss.

"Wir sind klüger als die Extremisten beider Seiten. Wir haben doch gar keine Wahl", meint sie. "Die Zukunft meiner Kinder hängt davon ab, ob wir, Juden und Araber, in der Lage sind, miteinander zu leben und außerdem Frieden mit den Palästinensern zu schließen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. Mai 2021 um 09:06 Uhr.