Ein Polizist hält einen ultraorthodoxen jüdischen Mann zurück während der Unruhen in der israelischen Stadt Lod | AP

Unruhen in Israel Die Angst vor einem Bürgerkrieg

Stand: 14.05.2021 16:41 Uhr

Arabische Israelis zünden Synagogen an, ein jüdischer Mob prügelt einen arabischen Autofahrer fast zu Tode: Seit Tagen kommt es zu einem Ausbruch von Hass und Gewalt zwischen Israels Bevölkerungsgruppen.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel-Aviv

Es sind Bilder, wie sie die Israelis eigentlich eher aus dem Westjordanland kennen: Vermummte beschießen Polizisten mit Feuerwerkskörpern, die setzen ihrerseits Blendgranaten und Tränengas ein. Autos und Container brennen. Es gibt Verletzte auf beiden Seiten - und das nicht in den besetzten palästinensischen Gebieten, sondern mitten in Israel. Seit Tagen gibt es schwere Zusammenstöße zwischen arabischen Israelis und Sicherheitskräften.

Hauptauslöser sei die Erstürmung des Areals der Al-Aksa-Moschee auf dem Jerusalemer Tempelberg gewesen, sagt Eran Singer, Experte für Fragen der arabischen Bevölkerungsminderheit des Senders Kanal 11. "Ein Streichholz wie Al Aksa reicht aus, um alles zu entzünden." Dieses Mal seien die Frustration in der Gesellschaft und die Abgestumpftheit gegenüber der täglichen Gewalt derart hoch, "dass wenn die Stunde der Wahrheit da ist, und es heißt, Al Aksa sei in Gefahr, das ausreicht, um sich zusammenzuschließen und zu randalieren".

Fehlendes Vertrauen begünstigt Hetze

Viele arabische Israelis, die rund ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ausmachen, sehen sich als Bürger zweiter Klasse. Sie fühlen sich vom Staat diskriminiert und benachteiligt. Sie identifizieren sich auch nicht mit dem Land und haben keinen Respekt vor staatlichen Institutionen, erklärt Singer in einem Podcast: "Es ist eine Gesellschaft, der das Vertrauen fehlt - in die israelische Regierung, in den Staat Israel und natürlich in die israelische Polizei." Dieses fehlende Vertrauen sei ein Faktor, der Hetze begünstigt.

In der Stadt Lod wurde ein arabischer Einwohner von einem jüdischen Israeli erschossen. Die Folge waren regelrechte Straßenschlachten mit der Polizei. Synagogen wurden angezündet und Lod zog als Symbol der Unruhen Extremisten an. Itamar Ben Gvir, Politiker der ultrarechten Partei des religiösen Zionismus und politischer Partner von Regierungschef Benjamin Netanyahu, fuhr medienwirksam in Lod Streife, um - so stellte er es in einem Handyvideo dar - Juden vor Arabern zu schützen. "Gerade haben wir gehört, dass Juden mit Steinen beworfen werden. Ich hoffe, dass wir die Polizei vor Ort antreffen. Fest steht, dass wir nicht schlafen gehen können, während unsere Brüder hier in Lod leiden müssen, während die Menschen hier Pogrome ertragen und die Synagogen brennen."

Präsident Rivlin warnt vor Bürgerkrieg

Immer wieder gibt es rassistisch motivierte Übergriffe beider Seiten. In der Tel Aviver Vorstadt Bat Yam zog ein Mob jüdischer Israelis einen arabischen Autofahrer aus dem Wagen und schlug ihn fast tot. In Jaffa verprügelten arabische Israelis einen Soldaten. Ein sichtlich geschockter Staatspräsident Reuven Rivlin warnte vor einem Bürgerkrieg: "Wir dürfen den Extremisten beider Seiten nicht die Hand reichen und wir dürfen nicht zulassen, dass Extremisten unser Leben bestimmen und den Ton angeben. Und auf keinen Fall dürfen wir es zulassen, dass die Gewalt siegen wird." Keine Bevölkerungsgruppen würden aus der israelischen Gesellschaft verschwinden. "Es ist das Heim von uns allen."

Die regelrechte Explosion von Hass und Gewalt macht den vorher schon vorhandenen tiefen Riss in der israelischen Gesellschaft und die Spaltung zwischen arabischen und jüdischen Einwohnern überdeutlich. Die Regierung setzt bisher auf Härte: auf massive Polizeipräsenz und Ausgangssperren. Ob die Lage so beruhigt werden kann, ist fraglich. Und selbst wenn wieder Ruhe einkehrt, die Ursachen der Spaltung bleiben bestehen, und auch das Misstrauen zwischen beiden Bevölkerungsgruppen ist durch die Unruhen größer geworden.    

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Mai 2021 um 17:00 Uhr.