Tel Aviv: Ein Mann trägt einen Mund-Nasen-Schutz | dpa

Trotz Impfkampagne Infektionszahlen in Israel auf Rekordhoch

Stand: 19.01.2021 13:15 Uhr

Israel gilt als Vorreiter beim Impfen: Knapp ein Viertel der Bevölkerung hat bereits eine erste Dosis erhalten. Dennoch sind Lockerungen in weiter Ferne: Die Zahl der Neuinfektionen erreicht ein Rekordhoch.

Von Tim Aßmann, ARD-Studio Tel Aviv

Es sind Spitzenwerte im Positiven wie im Negativen: Einerseits schreitet Israels Impfkampagne weiterhin mit beeindruckendem Tempo voran. Mehr als 2,2 Millionen Israelis, knapp ein Viertel der Gesamtbevölkerung, haben bereits die erste von zwei Impfungen erhalten, mehr als 400.000 von ihnen schon die zweite.

Tim Aßmann ARD-Studio Tel Aviv

Regierungschef Benjamin Netanyahu hat die Parlamentswahlen Mitte März weiter fest im Blick und bleibt bei seinem Versprechen allen Israelis über 16 bis Ende März die Impfung zu ermöglichen: "Ich hoffe, dass wir täglich 200.000 Menschen impfen können. So werden wir weitermachen, um schrittweise zur Normalität zurückzukommen."

Bis zu 10.000 Neuinfizierte täglich

Doch davon kann aktuell keine Rede sein. Das Land bleibt in einem strengen Lockdown. Täglich infizieren sich im kleinen Israel bis zu 10.000 Menschen mit dem Coronavirus - bei neun Millionen Einwohnern. Ein Negativrekord.

Besonders betroffen ist erneut die Minderheit der streng-religiösen jüdischen Israelis. 30 Prozent der positiven Corona-Fälle in den vergangenen Woche wurden in dieser Gruppe verzeichnet. Gleichzeitig ist die Impfbereitschaft bei den Streng-Religiösen und den arabischen Israelis geringer als im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Das weiß auch Premier Netanyahu: "Um viele Leben zu retten und aus der Krise zu kommen, muss die Impfquote insgesamt hoch sein - vor allem bei der arabischen und der ultra-orthodoxen Bevölkerung."

Geringe Akzeptanz bei Ultra-Orthodoxen

Netanyahu steht unter innenpolitischem Druck, weil seine Regierung den Verstößen gegen Corona-Auflagen durch die Streng-Religiösen sehr milde begegnet. Viele ultra-orthodoxe Juden halten sich weder an Maskenpflicht noch an Abstandsregeln. Aktuell sind zahlreiche Religionsschulen geöffnet, obwohl das verboten ist. Auch dass Großhochzeiten untersagt sind, hielt die Ultra-Orthodoxen nicht davon ab, sie dennoch zu feiern - mit teils Tausenden Teilnehmern.

Der Nachschub an Impfstoff ist unterdessen offenbar stabil. Moderna und BioNtech/Pfizer liefern. Pfizer bekommt im Gegenzug Daten aus der israelischen Impfkampagne. Den Preis, den Israel pro Impfdosis zahlt, hat das Land nicht veröffentlicht. Man stelle Pfizer anonymisierte Datensätze über die Impfkampagne und den Pandemieverlauf zur Verfügung, sagt Israels Gesundheitsminister Yuli Edelstein: "Pfizer wird sehen können welche Auswirkungen das Impfen hat - auf die Verbreitung des Virus', die Möglichkeit, das öffentliche Leben und die Wirtschaft zu öffnen." Auch die Auswirkungen auf das soziale Leben solle so nachvollzogen werden und Nebenwirkungen beobachtet werden können.

Infektionsschutz erst verzögert wirksam

Zur Ansteckungsgefahr nach einer Impfung gibt es bereits erste Erkenntnisse: Demnach tritt ein erster messbarer Infektionsschutz erst nach 12 bis 14 Tagen ein und steigt dann. Von knapp 190.000 Israelis einer Testgruppe infizierten sich rund 6,6 Prozent auch nach der Impfung noch mit Corona, die meisten in den genannten ersten zwei Wochen nach der ersten Impfdosis. Einige wenige infizierten sich noch nach der zweiten Impfung. Das israelische Gesundheitsministerium betont allerdings, dass alle bisherigen Erkenntnisse vorläufig sind.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell Hörfunk am 19. Januar 2021 um 12:20 Uhr.