Ein Israeli zeigt im Februar 2021 am Eingang eines Schwimmbades sein Impf-Zertifikat | AFP

Israel Schlagartig ohne Impf-Zertifikat

Stand: 01.10.2021 05:54 Uhr

Am Sonntag verlieren viele Israelis ihr Corona-Zertifikat - den Grünen Pass, der ihnen einen ausreichenden Impfschutz bestätigt. Eine neue Bescheinigung ist an eine Bedingung geknüpft - und die ist in Israel umstritten.

Von Sophie von der Tann, ARD-Studio Tel Aviv

Er ist die Eintrittskarte fürs öffentliche Leben in Israel - der Grüne Pass. Ohne den QR-Code auf dem Handy kein Zutritt zur Gastronomie, Sportstätten, Kultureinrichtungen und Universitäten. Ursprünglich war allen, die die zweite Impfung erhalten haben, bis Ende 2021 ein Grüner Pass ausgestellt worden. Dieser wird nun zum 3. Oktober ungültig.

Sophie von der Tann ARD-Studio Tel Aviv

Einen neuen kann man nur erhalten, wenn man dreifach geimpft ist oder innerhalb der letzten sechs Monate die zweite Impfung bekommen hat. Oder man lässt sich testen. Ausgenommen sind außerdem Kinder unter drei Jahren.

Aktuell sind in Israel etwa 35 Prozent der israelischen Bevölkerung dreifach geimpft, 60 Prozent haben die zweite Impfung bekommen. Schätzungsweise eine Million der etwa 9,4 Millionen Israelis könnten ab Sonntag ihren Grünen Pass verlieren, darunter auch viele Lehrerinnen und Lehrer. Für sie gilt: Ohne diese Eintrittskarte gibt es keinen Zutritt zu Schulen und keine Bezahlung. Keine andere Branche werde so behandelt, kritisiert der Direktor der Lehrergewerkschaft. Er fordert eine Übergangszeit, in der sich die Lehrkräfte impfen lassen können.

Eine unverhältnismäßige Maßnahme?

Zvika Granot, Immunologe an der Hebrew University in Jerusalem, hält es für unverhältnismäßig, zweifach Geimpften den Green Pass zu entziehen. "Ich finde es schockierend, wie schnell die Menschen das, was wir als grundlegende Bürgerrechte sehen, aufgeben", sagt er.

Granot plädiert dafür, nach Alter zu unterscheiden: "Das Immunsystem eines jungen Menschen ist deutlich besser als das eines älteren Menschen, deshalb kann man nicht die gleiche Impfstrategie für alle anwenden." Er befürchtet, dass die neue Green-Pass-Regel die Akzeptanz von Impfungen in der Bevölkerung verringert.

Notwendig für das gesamte öffentliche Leben?

Beim Grünen Pass gehe es allerdings nicht darum, Menschen zum Impfen zu zwingen, entgegnet Nadav Davidovitch, Direktor der School of Public Health an der Ben-Gurion-Universität und Corona-Berater der israelischen Regierung. Ziel des Grünen Passes sei es, nicht nur Individuen, sondern die gesamte Gesellschaft zu schützen und das öffentliche Leben so weit wie möglich geöffnet zu halten. Denn die Strategie der israelischen Regierung ist: Impfen statt Lockdown, trotz insgesamt hoher Infektionszahlen.

Die dritte Impfung zeige ihre Wirkung, sagt Davidovitch. Er verweist auf Daten, wonach der Booster-Shot fünfzig Mal besser vor schweren Verläufen schütze, als wenn man nicht geimpft sei, und etwa zehn Mal besser, als wenn die zweite Impfung mehr als sechs Monate zurückliege. Daten des israelischen Gesundheitsministerium zeigten, dass der Booster Shot auch bei jungen Menschen das Infektionsrisiko und das Risiko schwerer Erkrankung verringere, so Davidovitch.

Er hält es für richtig, durch die neue Green-Pass-Regelung alle Israelis ab zwölf Jahren dazu zu animieren, sich impfen zu lassen. Dennoch müssten die Maßnahmen verhältnismäßig sein - für Aktivitäten mit niedrigem Risiko wie den Besuch eines Freibads sollte man seiner Meinung nach keinen Grünen Pass benötigen.

Hohe Zahl an Neuinfektionen

Israel gehörte in den vergangenen Monaten mit Sieben-Tage-Inzidenzen über 700 zu den Ländern mit den meisten Neuansteckungen weltweit. Mittlerweile verlangsamt sich die Ausbreitung der Delta-Variante, auch die Zahl der schweren Verläufe sinkt. Der Großteil der Covid19-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden, sind ungeimpft. 

Mit der neuen Regel für den Grünen Pass tritt Premier Minister Naftali Bennett nun die Flucht nach vorne an. Er erhöht den Druck zur Impfung, denn einen Lockdown will er unbedingt vermeiden - auch wenn er dafür stark in der Kritik steht.

Über dieses Thema berichtete SWR2 am 07. September 2021 um 16:05 Uhr.