Israelis erhalten in Jerusalem ihre dritte Impfung gegen das Coronavirus | dpa

Israel Wen die Impfkampagne nur schwer erreicht

Stand: 27.08.2021 05:32 Uhr

Israel gilt als Impfweltmeister - und hat als erstes Land mit Drittimpfungen begonnen. Doch nach wie vor gibt es mehr als eine Million Ungeimpfte. Eine Bevölkerungsgruppe sticht besonders hervor.

Von Sophie von der Tann, ARD-Studio Tel Aviv

Wenn es um Corona geht, bricht Israel regelmäßig Rekorde. Insgesamt sind fast 80 Prozent aller Israelis über zwölf Jahren geimpft, auf die Gesamtbevölkerung bezogen sind das 60 Prozent vollständig Geimpfte. Damit gehört Israel zu den Ländern mit der höchsten Impfrate weltweit. Seit Anfang August werden nun auch dritte Impfungen verabreicht. Die israelische Regierung hofft, so die vierte Corona-Welle zu durchbrechen. Allerdings sind etwa 1,1 Millionen in Israel noch gar nicht geimpft, 377.000 davon sind arabische Israelis.

Sophie von der Tann ARD-Hauptstadtstudio

Auch eine Frage des Alters

Es sind vor allem junge Menschen in der arabischen Bevölkerung Israels, die sich nicht impfen lassen. So sind unter den Jugendlichen zwischen zwölf und achtzehn Jahren nur etwa 40 Prozent geimpft, im Rest der Bevölkerung sind es mehr als 60 Prozent.

Viele hielten die Impfung nicht für nötig, erklärt Ayman Seif, Leiter der Corona-Taskforce für den arabischen Sektor. Grund für die niedrigen Impfraten seien aber auch "Fake News" über Impfreaktionen und Wirksamkeit der Impfung. Außerdem herrsche unter arabischen Israelis eine Skepsis gegenüber dem israelischen Staat, in dessen Institutionen sie ohnehin wenig Vertrauen haben, weil sie sich benachteiligt und wie Bürger zweiter Klasse behandelt fühlen.

"Das ist kein kulturelles Problem. Denn bei anderen Krankheiten sind die Impfraten in der arabischen Bevölkerung hoch, teils sogar höher als in der jüdischen Bevölkerung", erklärt Seif. Man müsse die Menschen aber gezielt ansprechen, überzeugen und den Zugang zu Impfungen erleichtern.

Niedrige Impfraten vor allem bei Bedouinen

Besonders beunruhigt Seif die Situation der Bedouinen. Die meisten von ihnen leben in der Negev-Wüste im Süden Israels, viele in nicht anerkannten Dörfern ohne Elektrizität und fließendes Wasser. Zwar habe die Impfkampagne in den Bedouinen-Regionen für deutliche Verbesserung gesorgt, erklärt Seif. Aber die Impfraten sind immer noch deutlich unter denen im Rest Landes.

In Bedouinen-Städten wie Segev Shalom und Rahat sind laut israelischem Gesundheitsministerium nur 25 beziehungsweise 38 Prozent der Bevölkerung geimpft. In den Dörfern sind es demnach teilweise nur zwischen fünf und zehn Prozent.

Wenig Tests

Bisher scheinen arabische Israelis zwar weitgehend verschont geblieben zu sein vom Ausbruch der Delta-Variante in Israel. Unter den knapp 9000 Neuinfektionen seien nur rund 600 arabische Israelis, erklärt Seif.

Er führt die niedrigen Infektionszahlen aber auch auf die wenigen Tests in arabischen Communities zurück. "Die Zahlen werden sicherlich steigen, denn viele Menschen kommen zurück von Reisen, es finden große Hochzeiten und Veranstaltungen statt, die Schulen öffnen, und viele halten sich nicht an die Regeln", sagt Seif.

Mobile Impfteams im Einsatz

Damit sich mehr Menschen impfen lassen, hat die israelische Regierung ihre Kampagne ausgeweitet und setzt unter anderem mobile Impfteams in betroffenen Gegenden ein. Der israelische Gesundheitsminister Nitzan Horowitz sieht die Verteilung von Impfungen vor allem als sozioökonomisches Problem: "Wohlhabende Menschen werden geimpft. Schwächere Bevölkerungsgruppen deutlich weniger." Er wolle diese Menschen nicht aufgeben.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. August 2021 um 05:15 Uhr.