Zerstörte Gebäude im Gaza-Streifen | EPA

Waffenruhe in Nahost Wiederaufbau in Gaza, Drohung aus Israel

Stand: 23.05.2021 12:08 Uhr

Nach der Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas werden die Zerstörungen im Gazastreifen deutlich. Die UN unterstützen den Wiederaufbau. Israel befürchtet indes einen Missbrauch von Hilfslieferungen und droht mit Härte.

Nach dem vorläufigen Ende der Gewalt zwischen Israel und der palästinensischen Hamas konzentrieren sich die Bemühungen nun auf eine Festigung der Waffenruhe und den Wiederaufbau des stark zerstörten Gazastreifens. Nach UN-Angaben sind etwa 1000 Wohnungen zerstört, Tausende Menschen wurden obdachlos.

US-Präsident Joe Biden sprach sich für einen von der internationalen Gemeinschaft finanzierten Wiederaufbau aus.

Der UN-Sicherheitsrat rief beide Seiten zur vollständigen Einhaltung der Waffenruhe auf. Und dies in einer erstmals seit Beginn der Eskalation der Gewalt von allen Mitgliedern des Gremiums getragenen Erklärung.

Der Sicherheitsrat betrauere zudem "den Verlust von zivilen Leben, der aus der Gewalt resultiert" sei. Es sei dringend geboten, die Ruhe in Nahost wiederherzustellen, hieß es weiter. Der Sicherheitsrat betonte zudem "die Notwendigkeit, einen umfassenden Frieden zu erzielen, der auf der Vision einer Region beruht, wo zwei demokratische Staaten, Israel und Palästina, Seite an Seite in Frieden mit sicheren und anerkannten Grenzen leben."

Hilfsgüter in Gaza, Öffnung des Tempelbergs

Da die von Ägypten vermittelte Waffenruhe bisher anhält, versuchen die Menschen im Gazastreifen, sich inmitten der Zerstörungen wieder einen Alltag aufzubauen. Über einen israelischen Grenzübergang trafen die ersten Hilfstransporte mit Medikamenten, Lebensmitteln und Benzin ein.

Die Behörden begannen mit der Verteilung von Zelten, Matratzen und Decken an die Bedürftigen. Der Nothilfefonds der Vereinten Nationen gab insgesamt 18,5 Millionen US-Dollar für humanitäre Maßnahmen frei.

Die Fischer erhielten Erlaubnis, wieder aufs Meer fahren; Cafés und Läden öffneten wieder. Auch Ministerien und Behörden waren wieder geöffnet, teilte ein Sprecher der lokalen Regierung - die zivile Verwaltung wird von der islamistischen Hamas kontrolliert - in Gaza mit.

In Jerusalem wieder ist nach rund drei Wochen Zutrittsverbot der Tempelberg wieder für jüdische Besucher geöffnet worden. Die heilige Stätte war wegen schwerer Konfrontationen von Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften während des muslimischen Fastenmonats Ramadan für Juden geschlossen worden. Diese Zusammenstöße gelten als einer der Auslöser für den jüngsten Konflikt.

Kundgebung für friedliches Miteinander

In Tel Aviv demonstrierten Tausende Menschen für friedliche Koexistenz von Juden und Arabern. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zogen durch die Stadt und kamen später auf dem zentralen Habima-Platz zusammen, um Ansprachen von Politikern und Künstlern zu hören.

Ajman Odeh, Chef der wichtigsten arabischen Partei im Parlament, forderte die Gründung eines palästinensischen Staates neben Israel. "Es gibt hier zwei Völker. Beide verdienen das Recht auf Selbstbestimmung", sagte er.

Die Kundgebung in Tel Aviv war eine von etlichen Demonstrationen in Israel, auf denen zum Frieden zwischen Israelis und Palästinensern aufgerufen wurde.

248 Tote in Gaza, 13 Tote in Israel

Vorausgegangen waren elf Tage andauernde Kämpfe zwischen Israel und militanten palästinensischen Gruppen im Gazastreifen. Nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums kamen bei den israelischen Angriffen 248 Menschen ums Leben, unter ihnen 66 Kinder und Jugendliche. 1910 weitere erlitten Verletzungen. Israels Armee spricht dagegen von mehr als 200 getöteten militanten Palästinensern im Gazastreifen und versichert, man habe mit seinen Luftangriffen vor allem die militärischen Fähigkeiten der Hamas treffen wollen.

Nach Angaben der israelischen Armee hatten militante Palästinenser während des Waffengangs mehr als 4360 Raketen auf Israel abgefeuert. 680 davon seien im Gazastreifen selbst eingeschlagen. Bei den Angriffen seien in Israel 13 Menschen getötet worden. Die israelische Armee habe mehr als 1500 Ziele in dem Küstenstreifen beschossen.

Israel befürchtet Aufrüstung der Hamas

Israel hat derweil die Sorge, Hilfslieferungen in den blockierten Küstenstreifen könnten wie nach dem letzten Gaza-Krieg 2014 für eine Aufrüstung der Hamas missbraucht werden. Israelische Minister bekräftigten, man werde künftig auf jeden Angriff aus dem Palästinensergebiet deutlich härter reagieren als zuvor.

Finanzminister Israel Katz sagte dem Radiosender 103FM: "Für jeden Angriff auf den Süden muss es gezielte Tötungen von Hamas-Führern geben und Feuer auf Hamas-Ziele." Israel habe bisher aus Sorge vor einem Krieg immer vermieden, den ersten Schritt zu unternehmen. Dies werde sich nun ändern, sagte Katz.

Erster öffentlicher Auftritt des Hamas-Chefs

Auch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hatte nach Inkrafttreten der Waffenruhe von "neuen Spielregeln" gegenüber der Hamas gesprochen. Israel werde auf neue Raketenangriffe aus dem Gazastreifen in aller Härte reagieren, warnte er.

Im Gazastreifen setzte die regierende Hamas derweil auf eine Machtdemonstration: Hunderte ihrer Kämpfer marschierten in Militärkleidung an einem Trauerzelt für Bassem Issa vorbei, ein hohen Befehlshaber, der im Krieg getötet wurde. Auch Hamas-Chef Jihia al-Sinwar zeigte sich dort. Es war sein erster öffentlicher Auftritt seit dem Beginn der Auseinandersetzungen mit Israel.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Mai 2021 um 11:00 Uhr.