Schirin Abu Akle | AP

Tote Al-Dschasira-Reporterin Israel lehnt US-Ermittlungen ab

Stand: 15.11.2022 12:17 Uhr

Der Tod der palästinensisch-amerikanischen Journalistin Abu Akleh schockierte Menschen weltweit. Nun ermitteln offenbar die USA in dem Fall. Israels Verteidigungsminister nennt das einen "Fehler".

Das US-Justizministerium hat nach Angaben des israelischen Verteidigungsministers Benny Gantz Ermittlungen zum Tod der Al-Dschasira-Journalistin Schirin Abu Akleh aufgenommen.

Gantz verurteilte dies in einem Twitter-Beitrag als Fehler. Mit einer externen Untersuchung werde man nicht kooperieren, schrieb er. Das israelische Militär habe professionell und unabhängig in dem Fall ermittelt und die Ergebnisse mit den USA geteilt. "Wir werden keine Einmischung in Israels innere Angelegenheiten dulden", erklärte Gantz.

Gantz untermauerte auf Twitter auch den israelischen Anspruch auf eigene Untersuchungen, um Soldaten für deren Vorgehen in Palästinensergebieten zur Verantwortung zu ziehen.

Abu Aklehs Familie begrüßt US-Untersuchung

Eine Untersuchung durch die US-Bundespolizei wäre ein seltener Schritt und könnte die enge Partnerschaft beider Länder in einer sensiblen Zeit weiter belasten. Das US-Justizministerium lehnte eine Stellungnahme zunächst ab. Der demokratische US-Senator Chris Van Hollen erklärte laut einem Bericht der Zeitung "Haaretz", es handele sich um einen "überfälligen, aber notwendigen und wichtigen Schritt im Streben nach Gerechtigkeit und Verantwortlichkeit für den Tod der amerikanischen Staatsbürgerin und Journalistin".

Abu Aklehs Familie und Abgeordnete in den USA hatten seit Monaten Druck auf Washington gemacht, eine umfassende Untersuchung einzuleiten. Abu Aklehs Bruder Tony sagte Al Dschasira, die Familie begrüße Berichte zu US-Ermittlungen. Es sei "sehr wichtig, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und ähnliche Verbrechen zu verhindern", sagte er. "Wir hoffen, dass dies ein Wendepunkt in der Untersuchung von Schirins Tod sein wird."

Aus dem palästinensischen Außenministerium hieß es, diese - wenn auch späte - Entscheidung spiegele die Gewissheit der US-amerikanischen Seite wider, dass es keine ernsthaften israelischen Ermittlungen gebe. Die Palästinenser seien bereit, bei allen internationalen oder amerikanischen Untersuchungen uneingeschränkt zu kooperieren. Forderungen Israels nach einer gemeinsamen Untersuchung sowie der Herausgabe der Kugel zur forensischen Analyse hatten die Palästinenser abgelehnt.

Vorwürfe gegen Israel von vielen Seiten

Palästinenservertreter, Abu Aklehs Familie und Al Dschasira haben israelischen Soldaten vorgeworfen, absichtlich auf die 51-jährige Journalistin geschossen zu haben. Sie besaß die US-Staatsbürgerschaft, trug bei dem Vorfall im Mai im Westjordanland einen Helm und eine Schutzweste mit der Aufschrift "Presse". Abu Akleh hatte über eine Razzia des israelischen Militärs im Flüchtlingslager Dschenin berichtet.

Palästinenserpräsident Mahmud Abbas erklärte, Abu Akleh sei durch einen israelischen Scharfschützen erschossen worden.

War es Absicht oder ein Versehen?

In einer unabhängigen Untersuchung der Vereinten Nationen wurde der Schluss gezogen, dass die tödliche Kugel wahrscheinlich von einem israelischen Soldaten abgefeuert wurde.

Im September erkannte auch Israel erstmals an, dass es vermutlich israelische Schüsse waren, die Abu Akleh töteten. Dass es sich dabei um Absicht gehandelt haben könnte, bestritt Israel vehement und lehnte strafrechtliche Ermittlungen ab.

Die in Jerusalem geborene Palästinenserin und US-Bürgerin Abu Akleh hatte ein Vierteljahrhundert lang über israelische Operationen im Westjordanland berichtet. Sie war vielen Arabern im Nahen Osten ein Begriff. Ihr Tod sorgte weltweit für Empörung.

Über dieses Thema berichteten am 15. November 2022 Deutschlandfunk um 10:00 Uhr in den Nachrichten und BR24 um 11:37 Uhr.