Der Innenhof des Hotels in der Altstadt von Yazd in der iranischen Wüste. | Karin Senz
Reportage

Wirtschaftskrise im Iran Gefährdeter Traum in der Wüste

Stand: 06.06.2022 12:46 Uhr

Das kleine Hotel in der Altstadt von Yazd ist ein Lebenstraum des 31-jährigen Dara. Doch steigende Preise und Wirtschaftskrise machen dem Iraner große Sorgen. Auswandern will er dennoch keinesfalls.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul, zurzeit in Yazd

Dara wuchtet ein Bündel weißer Bettlaken auf den Rücksitz seines kleinen Autos. Es stehen eine Reihe an Besorgungen auf seinem Zettel. Zuerst geht es zur Wäscherei. Wie viel der 31-Jährige dieses Mal wohl bezahlen muss? Derzeit steigen die Preise im Iran fast täglich.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

In der Wäscherei ist vom Besitzer des kleinen Lädchens zuerst nichts zu sehen. Dara ruft nach ihm. Schließlich taucht er zwischen den Kleiderständern im hinteren Raum auf - Dara erfährt, dass sich die Preise verdoppelt haben. Diese Nachricht muss der Hotelbesitzer im Auto erstmal verdauen: "Das habe ich nicht erwartet. Aber er hat mir gesagt, er wird bei mir nicht den doppelten Preis verlangen, weil wir gute Kunden sind. Ich habe mich dafür bedankt."

Er rechnet mit 50 Prozent Aufschlag. Bezahlen muss er erst, wenn er die Laken wieder abholt.

Haus voller Erinnerungen

Die Klimaanlage in Daras Auto ist voll aufgedreht - das Einzige was richtig funktioniert, schmunzelt er. Es sind knapp 30 Grad Celsius an diesem Tag in der Wüstenstadt Yazd.

Dara ist ein junger Mann mit dunklen kurzen Haaren und einer großen Brille. Er ist erst vor ein paar Jahren aus der Hauptstadt Teheran hierher gezogen, um sich einen Traum zu verwirklichen. Er renovierte das Haus seiner Großeltern, in dem so viele schöne Erinnerungen stecken:

Wir sind immer in den Ferien zu Neujahr nach Yazd gekommen, um unsere Großeltern zu sehen. Da hat sich die ganze Familie getroffen, meine Onkel und andere Verwandte. Manchmal waren wir zehn Leute und mehr. Da war das Haus voll, auch mit ganz vielen Kindern und wir haben überall hier gespielt.

Renovierung nach dem Jobverlust

Seit die Großeltern von 20 Jahren starben, stand das Haus leer. Es drohte zu verfallen und wurde geplündert. Da wuchs in Dara der Wunsch, das Haus zu erhalten. Es steht inmitten der historischen Altstadt von Yazd, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Es ist eines der typischen persischen Häuser mit dicken Mauern aus einem Lehm-Stroh-Gemisch. Im schattigen Innenhof gibt es ein Wasserbecken, wie man es so oft in historischen Häusern im Iran findet.

Als er vor fünf Jahren seinen Job bei einer IT-Firma verlor, ging er das Projekt an. Dara musste sich dafür Geld bei der Familie leihen. Die sei anfangs skeptisch gewesen, erzählt der 31-jährige. Er sitzt in einem Aufenthaltsraum für die Gäste, der traditionell eingerichtet ist, und zeigt auf die Bögen in der Wand: "Ich wollte in der Wand Kabel verlegen. Da bin ich plötzlich auf einen Bogen gestoßen. Wow, habe ich gedacht! Ich habe ihn freigelegt, weitergesucht und noch einen und noch einen gefunden und schließlich alle freigelegt."

Dara blättert in einem Fotoalbum | Karin Senz

Das Haus der Großeltern steckt für Dara voller Erinnerungen. Bild: Karin Senz

"Als er die Fotos gesehen hat, hat er geweint"

Die Renovierung wurde so auch zu einer Entdeckungsreise. Im Keller fand er unter Schutt und Staub alte Koffer seiner Eltern und Onkel, voll mit alten Briefen. "Ich habe Fotos von den Briefen gemacht und sie meinem Onkel in den USA geschickt. Der war seit 40 Jahren nicht mehr hier", erzählt Dara. "Als er die Fotos gesehen hat, hat er geweint, weil all die Erinnerungen zurückgekommen sind." Heute ist der Gewölbekeller aufgeräumt und sauber.

Dara will nicht auswandern

Der Hotelbesitzer öffnet einen Koffer und holt eines der alten iranischen Magazine heraus: "Das ist noch aus der Zeit vor der Revolution. Da kann man sehen, wie die Medien damals waren."

In dem Magazin sieht man Frauen in engen, knappen Kleidern mit großzügigem Dekolleté - und ohne Kopftuch. Man sieht feiernde Menschen, die Alkohol trinken. Das ist heute im Iran verboten. Es sind Fotos wie aus einem westlichen Land.

Dara wirkt für einen Moment gefesselt, als würde er sich nach dieser Zeit sehnen. Er liebt sein Land und die Kultur. Im Gegensatz zu vielen anderen jungen Menschen im Iran will er nicht auswandern, auch wenn das Leben hier von Tag zu Tag schwerer wird.

Bananen und Erdbeeren sind zu teuer

Auf seiner Einkaufstour geht es zum Obst- und Gemüsehändler. Gleich vorne sind die Wassermelonen gestapelt. Dara fragt einen Mitarbeiter, wo diese herkommen und wird überrascht. Die Wassermelonen werden im Südosten des Iran angebaut, in einer Gegend, in der die Wassersituation angespannt ist. Umweltaktivisten kritisieren das, denn Wassermelonen brauchen viel Wasser.

Dara steht in seiner Küche | Karin Senz

Dara führt das kleine Hotel in Yazd. Bild: Karin Senz

Dara kauft unter anderem noch Honigmelonen, Gurken, Orangen und Kiwi. Bananen und Erdbeeren hingegen lässt er liegen. Sie sind ihm zu teuer. Immerhin - stellt er fest:

Die Preise für Obst und Gemüse haben sich nicht groß geändert - also seit der letzten Woche, nicht was die letzten zwei Monate angeht. Aber ich kann nicht auf die Preise schauen. Ich muss die Sachen kaufen, auch wenn die zehn Mal so teuer sind. Ich habe keine Wahl.

Ein Zimmer wird nur im Sommer vermietet

Zwei Jahre lang renovierte Dara das alte Haus. Dann eröffnete er sein "Wadi Haus", ein kleines Hotel mit drei Zimmern. Eins davon liegt in einem zweiten Keller. Er vermietet es nur im Sommer. Im Winter sei es zu feucht, erklärt er: "Hier drin ist immer die gleiche Temperatur. Ich erinnere mich, früher ist unsere Familie an heißen Sommertagen mittags immer hier runter gegangen. Das war der einzig kühle Raum. Wir haben friedlich geschlafen."

Grillabend auf der Dachterrasse

Vom Keller führen große Stufen auf das Flachdach. Der Ausblick ist umwerfend. Überall gibt es Dachterrassen. Daras ist fast wie ein Wohnzimmer eingerichtet mit Teppichen auf dem Boden und einem alten Fernseher aus den 1970-er Jahren als Dekoration: "Für die Leute in Yazd ist ihr Dach wie ein zweiter Innenhof", erzählt Dara. "Sie verbringen da viel Zeit. Ich habe gestern hier oben mit Gästen gegrillt. Das fühlt sich dann wie ein Abend mit Freunden an, nicht wie Arbeit."

Er schaut über die Mauer auf die beiden Nachbargrundstücke. Da stehen nur noch die Grundmauern der alten Häuser: "Ich habe einige Male versucht, das Gelände zu kaufen, um die Häuser wieder aufzubauen. Aber die Besitzer wollen nicht verkaufen. Ich würde mich einerseits gerne vergrößern, aber ich hasse auch diesen Anblick."

Weit weg vom Stress in Teheran 

Unten sind Gäste von einem Ausflug zurückgekommen. Sie machen es sich auf den vielen Kissen unter einem Sonnensegel gemütlich. Ermaran, eine junge Frau im weißen bodenlangen Sommerkleid, zieht das Kopftuch runter. Die langen welligen Haare fallen über die Schultern: "Es ist so friedlich hier. Man ist ganz weg vom stressigen Leben, von Luftverschmutzung und Stau in Teheran. Ich wünschte, ich könnte hier leben."

Der Lieblingsplatz der 30-Jährigen ist unter dem Deckenventilator: "Das ist total entspannend, als würde man meditieren, wenn man in den Deckenventilator schaut. Man chillt einfach und bekommt den Kopf frei."

Sie ist mit vollem Kopf aus Teheran angereist. Denn sie und ihr Mann planen, nach Kanada auszuwandern. Es sind wohl ihre letzten Urlaubstage im Iran für lange Zeit.

Der Innenhof des Hotels in der Altstadt von Yazd in der iranischen Wüste. | Karin Senz

Im Innenhof des kleinen Hotels steht ein Wasserbecken. Bild: Karin Senz

Eine Blume grüßt die Gäste

Dara ist bei seiner Einkaufstour inzwischen im Blumengeschäft angekommen. Die Preise sind zumindest seit vergangener Woche gleich geblieben. Aber irgendwie sind weniger Blumen im Bund, meint er. Der Verkäufer bestreitet das. Dara zuckt mit den Schultern und bezahlt einen Strauß Margeriten.

Auf Blumen will er nicht verzichten: "Weil es einfach für eine angenehme Atmosphäre sorgt. Die Gäste wissen das zu schätzen, wenn sie sehen, dass wir ihnen ein schönes Zimmer bereiten mit einer Blume auf dem Tisch."

Speiseölpreis hat sich verfünffacht

Zurück im Hotel steht der 31-Jährige in der Küche. Er holt eine Flasche Speiseöl aus dem Schrank: "Ich habe noch Öl von vor zwei Wochen. Da steht der Preis drauf. Heute muss ich fünf Mal so viel dafür bezahlen. Das ist einfach unglaublich."

Seit Monaten ist das Hotel fast immer ausgebucht. Aber wie lange noch? Er hat zwar auch internationale Gäste, aber überwiegend sind es Iraner. Und die können sich Urlaub selbst im eigenen Land kaum noch leisten.

"Ich kann gar nicht kalkulieren"

Dazu kommt, dass er wohl die Preise erhöhen wird. "Ich habe ganz vielen Leuten gesagt, dass die Preise den Sommer über stabil bleiben. Aber jetzt kann ich die Zimmer nicht mehr so günstig anbieten. Das Problem ist, dass ich gar nicht richtig kalkulieren kann, weil man nicht weiß, ob sich die Preise insgesamt bis zur nächsten Woche halten."

Wirklich optimistisch ist Dara nicht, was die Zukunft seines Landes und seine eigene angeht. Aber das Hotel aufgeben und auswandern, das kommt für ihn nicht in Frage: "Selbst wenn keine Gäste kommen - das ist mein Zuhause. Ich lebe hier. Ich kann doch nicht einfach mein Zuhause zumachen. Und ich werde die Hoffnung nicht verlieren."