Ein Plakat zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto der ums Leben gekommenen iranischen Kurdin Mahsa Amini. | AP

Iranerin Mahsa Amini Gerichtsmedizin sieht Schläge nicht als Todesursache

Stand: 07.10.2022 18:38 Uhr

Die 22-jährige Mahsa Amini ist zur Leitfigur der jüngsten Proteste im Iran geworden. Ihren Tod führen viele auf Polizeigewalt zurück. Doch die staatliche Gerichtsmedizin kommt zu einem anderen Schluss.

Drei Wochen nach dem Tod von Mahsa Amini hat sich das staatliche Institut für Gerichtsmedizin in der iranischen Hauptstadt Teheran zur angeblichen Todesursache der jungen Frau geäußert.

Wie das Nachrichtenportal Misan berichtete, schließt das Institut in seinem offiziellen Bericht aus, dass Amini infolge von Polizeigewalt ums Leben kam. Die Untersuchung des Leichnams habe keine Hinweise auf Gewalteinwirkung erbracht, etwa einen Schlag auf den Kopf. Stattdessen heißt es, die iranische Kurdin habe an einer organischen Vorerkrankung gelitten und wegen dieser sei es nach ihrer Festnahme zu Organversagen gekommen.

Familie dementiert

Aminis Familie hatte die Aussage, die 22-Jährige habe an einer Vorerkrankung gelitten, bereits mehrfach öffentlich zurückgewiesen. Amini sei bis zu ihrer Verhaftung durch die Sittenpolizei völlig gesund gewesen und alle gegenteiligen Behauptungen seien gelogen.

Die iranische Justiz wirft der Familie vor, gegen die vom Mullah-Regime verhängten Gesetze zu verstoßen und den Tod Aminis ausnutzen zu wollen, um die Bevölkerung gegen die Führung im Iran aufzuwiegeln.

Zweifel an Irans Angaben

Auch Menschenrechtler und westliche Staaten bezweifeln die Darstellung des Irans, Aminis Tod sei auf eine Vorerkrankung zurückzuführen. Erst am Donnerstag hatte das EU-Parlament den Tod der Frau als "tragischen Mord" verurteilt und in einer Resolution auch Berichte mutmaßlicher Augenzeugen aufgegriffen, denen zufolge Amini von Sicherheitskräften misshandelt worden sei.

Kurz nach der Festnahme der 22-Jährigen kamen Berichte auf, Amini sei nach einem Schlag an den Kopf zusammengebrochen. In sozialen Medien kursierte auch die Darstellung, Amini sei in einem Polizeiwagen mit dem Kopf gegen die Autoscheibe gestoßen worden. Sämtliche Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Westen fordert unabhängige Aufklärung

Amini war am 13. September von der iranischen Sittenpolizei festgenommen worden, weil sie gegen die islamische Kleiderverordnung verstoßen haben soll. Was genau nach ihrer Festnahme geschah, ist bis heute ungeklärt. Fest steht, dass die 22-Jährige ins Koma fiel und am 16. September in einer Klinik verstarb. Ihr Tod löste landesweite Massenproteste gegen das iranische Regime und die strengen islamischen Gesetze aus.

Neben Staaten wie den USA forderte auch die EU eine unabhängige Aufklärung von Aminis Tod und spricht sich gegen Sanktionen gegen die mutmaßlich Verantwortlichen aus. Zudem forderte das EU-Parlament Sanktionen gegen Sicherheitskräfte, die mit massiver Gewalt gegen die landesweiten Proteste vorgehen. Zahlen der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge kamen seit Beginn der Demonstrationen im Iran mindestens 130 Menschen in Zusammenhang mit den Protesten ums Leben.

Fragen um Tod einer 16-Jährigen

Neben dem Tod von Amini rückt auch ein anderer Fall zunehmend in die Öffentlichkeit: der der 16 Jahre alten Nasreen Schakarami. Die aktuellsten Schilderungen zum Tod der Jugendlichen stammen von ihrer Mutter, die sich mit einer Videobotschaft an Radio Farda wandte, den persischsprachigen Arm des US-finanzierten Senders Radio Farda.

Demnach verließ ihre "Nika" genannte Tochter am 19. September ihr Zuhause, um sich den Protesten anzuschließen. Wegen Zusammenstößen mit der Polizei habe die 16-Jährige mit Freunden fliehen müssen, der Kontakt zu ihr sei abgebrochen. Zehn Tage nach Nikas Verschwinden hätten die iranischen Behörden den Leichnam der Jugendlichen an die Familie übergeben, um ihn dann aber wieder "zu entführen" und an einem abgelegenen Ort nahe Teheran zu begraben.

Forensische Berichte sollen auf Gewalteinwirkung hindeuten

Der iranischen Polizei zufolge sei die Jugendliche während einer Versammlung von einem hohen Gebäude in den Tod gestürzt. Ihre Leiche sei am nächsten Tag gefunden und in die Gerichtsmedizin gebracht worden. Ihr Tod stehe in keinem Zusammenhang zu den Protesten.

Die Mutter jedoch dementiert diese Darstellung und wirft den Behörden vor, ihr Kind sei infolge von Polizeigewalt gestorben. Forensische Berichte hätten ergeben, dass Nika wiederholt gegen den Kopf geschlagen sei. Der Körper der 16-Jährigen sei äußerlich intakt gewesen, sagte ihre Mutter in ihrer ans Radio gerichteten Botschaft, doch seien einige ihrer Zähne, Knochen in ihrem Gesicht und am hinteren Teil ihres Schädels gebrochen gewesen. Auch in diesem Fall lassen sich weder die Angaben der iranischen Polizei noch die der Mutter von unabhängiger Seite überprüfen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. Oktober 2022 um 18:09 Uhr.