Der Oberste Führer des Iran, Ayatollah Ali Chamenei, äußert sich Anfang Oktober 2022 zu den andauernden Protesten im Land. | dpa

Proteste im Iran Ein Zeichen der Milde bei der Kopftuchpflicht?

Stand: 04.10.2022 10:16 Uhr

Die Proteste im Iran weiten sich aus - offenbar sogar bis auf die Schulhöfe. Der Oberste Führer Khamenei beschwört unterdessen alte Feindbilder, deutet aber auch ein vorsichtiges Abrücken von alter Strenge an.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Es sind Bilder mit Symbolkraft: Der Oberste Führer des Iran, Ayatollah Ali Khamenei, richtet sich an die Absolventen der Teheraner Polizeiakademie. Er scheint diese junge Generation einzuschwören auf ihren künftigen Kampf auf den Straßen im Iran.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

"Der Kampf geht nicht um pro oder kontra Hidschab. Es geht auch nicht um den Tod eines jungen Mädchens. Viele, die den Hidschab nicht ganz korrekt tragen, gehören trotzdem zu den ernsthaften Anhängerinnen der Islamischen Republik. Bei der Diskussion geht es um die Unabhängigkeit und das Ansehen und die Stärke und Autorität des islamischen Iran", betont Khamenei.

Erster Erfolg bei der Kopftuchpflicht?

Den Hidschab, also das Kopftuch, nicht ganz korrekt zu tragen? Ist das der erste Schritt zum Ende der Kopftuchpflicht? Der Iran-Experte Adnan Tabatabai hält so etwas durchaus für möglich.

Ein solcher Erfolg könnte den Demonstrantinnen und Demonstranten aber auch Aufwind geben, um weitere Ziele durchzusetzen. Wie die lauten, hört man in Parolen wie "Tod dem Diktator!" - womit Khamenei gemeint ist. Eine junge Frau, so zeigt es ein Video, sprüht "Nieder mit Khamenei!" an eine öffentliche Wand. Fast selbstverständlich trägt sie dabei kein Kopftuch.

Khamenei lässt denn auch nur beim Satz mit dem Kopftuch Milde erahnen, greift sonst bei seiner Rede auf bewährte Feindbilder zurück: "Ich sage ganz klar, dass diese Unruhen von den USA und dem falschen zionistischen Regime geplant wurden. Und einige iranische Verräter haben sich bezahlen lassen - dafür, dass sie ihnen helfen." 

Protest reicht offenbar bis in die Schulen

Bei den Protesten auf den Straßen und an den Universitäten im Iran sind in diesen Tagen viele junge Menschen unterwegs, im Alter der Absolventen der Teheraner Polizeiakademie, manche aber noch deutlich jünger.

Ein Video wird aktuell immer wieder im Netz geteilt. Es zeigt angeblich Schülerinnen in Karadsch, einer Stadt westlich von Teheran, die einen Mann mit leeren Plastikflaschen bewerfen und schließlich durch ein Tor vom Schulhof jagen. Vermutlich handelt es sich um einen Lehrer oder Schulbeauftragten. Keines der Mädchen trägt ein Kopftuch. Die offenen langen Haare soll zeigen, sie wollen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und sich nicht länger schikanieren lassen.

Dafür nehmen sie einen hohen Preis in Kauf. Die Gewalt gegen Demonstrantinnen, so lassen es Videos mit dem Vermerk 3. Oktober erahnen, geht in vielen Städten des Iran weiter.