Iranische Kurden nehmen an einer Demonstration in einem Park in der irakischen Kurdenstadt Sulaimaniya gegen die Ermordung von Mahsa Amini teil. | AFP

Nach Tod im Polizeigewahrsam Proteste und Ausschreitungen im Iran

Stand: 19.09.2022 18:31 Uhr

Drei Tage nach dem Tod einer jungen Iranerin im Polizeigewahrsam kommt das Land nicht zur Ruhe. Vielerorts gab es neue Proteste, Sicherheitskräfte gingen gegen Demonstranten vor.

Nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini im Polizeigewahrsam sind im Iran wieder Menschen in mehreren Städten auf die Straßen gegangen. In einigen Universitäten des Landes gab es neue Proteste, wie örtliche Medien berichteten. Bei Demonstrationen im Kurdengebiet sollen mehrere Menschen festgenommen worden sein.

In zwei Teheraner Universitäten demonstrierten Studierende und forderten "Aufklärung" über die Todesursache, wie die Nachrichtenagenturen Fars und Tasnim meldeten.

Zusammenstöße und regimekritische Slogans

Im Norden der Hauptstadt waren nach Angaben von Augenzeugen Polizei und Sicherheitskräfte mit einem massiven Aufgebot auf den Straßen. Im Volkspark Mellat kam es zu Menschenansammlungen, bei denen einige auch regimekritische Slogans gerufen haben sollen. Mehrere Frauen nahmen aus Solidarität mit Amini ihre Kopftücher ab. Die Proteste sollten auch am Abend fortgesetzt werden.

Auch in Aminis Heimatprovinz Kurdistan gingen erneut etliche Menschen auf die Straße. Dabei kam es Medienberichten zufolge auch zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. In der Stadt Diwandareh sollen unverifizierten Berichten zufolge auch Schüsse gefallen sein. Von offizieller Seite gab es zunächst keine Bestätigung.

Festnahmen durch die Polizei

Die staatliche iranische Nachrichtenagentur Fars meldete, in Sanandaj, der Hauptstadt der Kurdenregion, hätten sich am Sonntag etwa 500 Demonstrierende versammelt. "Sie haben Slogans gegen die Verantwortlichen des Landes gerufen", berichtete Fars. Autoscheiben seien zerschlagen und Mülltonnen angezündet worden. Die Polizei habe Tränengas eingesetzt, um die Menge auseinander zu treiben. Es habe mehrere Festnahmen gegeben. "Zahlreiche Demonstranten sind überzeugt, dass Mahsa infolge von Folter gestorben ist", schrieb Fars.

An mehreren Orten riefen die Teilnehmer der Proteste: "Wir fürchten uns nicht, wir sind alle zusammen" - eine Parole, die vor allem während der Demonstrationen nach der umstrittenen Präsidentenwahl 2009 laut geworden war.

Große Anteilnahme und Bestürzung

Im In- und Ausland lebende Filmschaffende, Künstler, Sportler sowie Politiker und religiöse Vertreter äußerten in Online-Medien ihre Empörung über den Todesfall. 

Der Fall hatte auch international große Anteilnahme und Bestürzung ausgelöst. Im Internet trauerten viele Iraner um die junge Frau, die am Dienstag während eines Familienbesuchs in Teheran von der Sitten- und Religionspolizei wegen ihres "unislamischen" Outfits festgenommen und auf eine Polizeiwache gebracht worden war. Nach Polizeiangaben war sie dort wegen Herzversagens zunächst in Ohnmacht und danach ins Koma gefallen. Am Freitag wurde ihr Tod bestätigt.

Im Netz kursierte jedoch auch eine andere Version. Amini sei verhaftet worden, weil ihr Kopftuch nicht richtig gesessen hätten und ein paar Haarsträhnen zu sehen gewesen wären. Nach der Verhaftung sei ihr Kopf im Polizeiauto gegen die Scheibe geschlagen worden, was zu einer Hirnblutung geführt habe. Die Polizei wies diese Darstellung vehement zurück.

Die Klinik, in der die 22-Jährige behandelt worden war, hatte nach ihrem Tod in einem inzwischen gelöschten Post bei Instagram geschrieben, dass Amini bereits bei der Aufnahme am Dienstag hirntot gewesen sei.

Polizei weist jede Schuld von sich

Die Polizei wies erneut jegliche Schuld am Tod der jungen Frau zurück. Die Unterstellungen seien "grundlos", sagte der Polizeichef der Hauptstadt, Hussein Rahimi, nach Angaben der Nachrichtenagentur Mehr. Die Polizei sei stets bemüht, dass solche Fälle nicht vorkommen, sagte Rahimi. "Es ist gesetzlich nun mal unsere Aufgabe, Frauen an die Kleidervorschriften zu erinnern", so der Polizeichef. "Was sie zu Hause tragen ist ihre Sache, aber nicht in der Öffentlichkeit." Der Frau hätten sie jedoch kein Haar gekrümmt, versicherte Rahimi.

Die Polizei und auch die Regierung von Präsident Ebrahim Raisi sind seit dem Tod Aminis und der landesweiten Kritik in Erklärungsnot. Die Polizei versuchte mit mehreren nicht verifizierbaren Videoaufnahmen ihre Unschuld zu beweisen. Die konservative Zeitung "Keyhan", die als Stimme der Hardliner gilt, und andere Politiker der Regierung stützten die Version. Sie werfen den Kritikern vor, Unruhe gegen die islamische Republik stiften und Lügen verbreiten zu wollen. Gleichzeitig ordnete Raisi an, den Fall gründlich zu durchleuchten.

Amini war laut Vater "kerngesund"

Der Vater des Opfers, Amjad Amini, machte deutlich, dass er die Erklärungen der Polizei nicht akzeptiere. Er kritisierte auch, dass die Rettungskräfte seiner Tochter zu spät zu Hilfe gekommen seien. Er wies auch Angaben der Regierung zurück, dass seine Tochter schon Vorerkrankungen gehabt habe. Seine Tochter sei "kerngesund" gewesen, sagte er.

Prominente Iranerinnen schlossen sich aus Solidarität dem Protest im Internet an, indem sie etwa ihre Haare abschnitten oder Bilder ohne Kopftuch veröffentlichten. Unter ihnen waren etwa die bekannten Schauspielerinnen Anahita Hemmati und Schabnam Farschaddschu.

Seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 gelten im Iran strenge Kleidungsvorschriften. Insbesondere in den Metropolen und reicheren Vierteln sehen viele Frauen die Regeln inzwischen eher locker - zum Ärger erzkonservativer Politiker. Die Regierung unter Präsident Raisi und Hardliner im Parlament versuchen seit Monaten, die islamischen Gesetze strenger umzusetzen. Die Sittenpolizei setzt die Kleidungsvorschriften teils auch mit Gewalt durch.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 19. September 2022 um 13:11 Uhr.