Karte: Piranschahr im Iran

Kurdengebiete im Iran Offenbar Schüsse auf Demonstranten

Stand: 21.11.2022 14:52 Uhr

Besonders in den Kurdengebieten des Iran halten die Proteste gegen die Staatsführung an. Augenzeugen berichten, dass dort Sicherheitskräfte das Feuer auf Zivilisten eröffnet hätten. Es sollen sich bürgerkriegsähnliche Szenen abgespielt haben.

Bei Protesten in Kurdengebieten im Westen und Nordwesten des Iran haben sich Augenzeugen zufolge bürgerkriegsähnliche Szenen abgespielt. In den Städten Dschwanrud und Piranschahr gab es demnach heftige Auseinandersetzungen, wobei iranische Sicherheitskräfte wahllos auf Demonstranten geschossen haben sollen.

Bereits am Sonntag waren Polizeikräfte mit Panzern in die Stadt Mahabad einmarschiert und sollen dort wahllos das Feuer auf Menschen eröffnet haben. Anwohnern zufolge soll es mehrere Tote und Verletzte gegeben haben. Die Schilderungen aus den Kurdengebieten ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Irakischen Berichten zufolge bombardierten Irans Revolutionsgarden auch die Kurdengebiete im Nordirak. Das Regime in Teheran wirft den dortigen iranisch-kurdischen Exilgruppen vor, die landesweiten Proteste im Iran zu schüren.

Offenbar Hunderte Tote

Die Aufstände hatten sich an dem Tod der jungen Kurdin Mahsa Amini am 16. September entzündet. Die 22-Jährige war in ihrem Heimatort Sakes von der Polizei festgenommen worden, da sie ihr Kopftuch nicht ordnungsgemäß getragen haben soll. Sie starb kurze Zeit später im Krankenhaus. Aktivisten werfen der Polizei vor, Amini misshandelt zu haben. 

Tausende ziehen seitdem auf die Straßen - besonders in den kurdischen Gebieten im Westen des Landes. Nach Schätzungen von Menschenrechtlern wurden im Zuge der Proteste Tausende Iranerinnen und Iraner festgenommen und Hunderte Menschen getötet. Die iranischen Behörden bezeichnen die meisten Demonstranten als "Randalierer", die von ausländischen Mächten instrumentalisiert würden, und schlagen die Proteste mit aller Härte nieder. 

Schauspielerinnen verhaftet

Die Staatsführung geht dabei auch immer repressiver gegen den Kulturbetrieb vor. Laut der Nachrichtenagentur dpa wurden die zwei bekannte Schauspielerinnen Hengameh Ghasiani und Katajun Riahi festgenommen, nachdem sie in der Öffentlichkeit ihre Kopftücher abgenommen hatten.

Ghasian, die immer wieder Kritik am Regime für dessen gewalttätige Reaktion auf die Proteste übte, veröffentlichte ein Video, in dem sie ihr Kopftuch ablegte. "Vielleicht ist dies mein letzter Beitrag", schrieb sie. "Was auch immer mit mir geschieht, ihr sollt wissen, dass ich bis zu meinem letzten Atemzug auf der Seite der iranischen Bevölkerung stehe." Riahi hatte sich ebenfalls mit der Protestbewegung solidarisiert.

Sechstes Todesurteil verhängt

Auch sieben weitere Prominente aus Film, Sport und Politik wurden nach Angaben der iranischen Justizbehörde von der Staatsanwaltschaft vorgeladen. Unter ihnen ist demnach auch Jahja Golmohammadi, Trainer des Teheraner Fußballvereins Persepolis FC. Er hatte die Spieler der iranischen Nationalmannschaft dafür kritisiert, dass sie "die Stimme des unterdrückten Volkes nicht den Behörden zu Gehör bringen".

Unterdessen wurde erneut ein Angeklagter im Zusammenhang mit den Protesten zum Tode verurteilt. Das Revolutionsgericht in Teheran befand ihn für schuldig, "während der jüngsten Unruhen ein Messer gezogen" zu haben "mit der Absicht zu töten, Terror zu verbreiten und die Gesellschaft zu verunsichern", wie die iranische Justizbehörde bekanntgab.  Es ist bereits das sechste im Zusammenhang mit den Demonstrationen verhängte Todesurteil.

Iran wirft Westen Destabilisierung vor

Die iranische Führung wirft unter anderem den USA, Großbritannien, Israel und Saudi-Arabien vor, die Protestbewegung zu unterstützen und damit das Land zu destabilisieren. Anfang November hatte der Iran die Entwicklung einer Hyperschall-Rakete verkündet.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. November 2022 um 08:00 Uhr.