Ein Junge mit einer Gesichtsmaske geht an geschlossenen Geschäften auf dem Großen Basar in Teheran vorbei. | picture alliance/dpa/XinHua

Atom-Verhandlungen Zwiespältige Hoffnungen im Iran

Stand: 16.02.2022 15:15 Uhr

Viele Menschen im Iran sehnen eine Einigung mit dem Westen im Atomstreit herbei. Doch würden damit ausländische Investoren zurückkommen? Unternehmer im Land sind skeptisch - wegen Donald Trump.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul, zurzeit Teheran

Die Nachrichten zu den Atomverhandlungen in Wien könnten in diesen Tagen kaum widersprüchlicher sein. Josep Borrell, EU-Vertreter für Außen- und Sicherheitspolitik, verbreitete am Montag auf Twitter, dass er fest daran glaube, dass ein Übereinkommen in Sicht sei. Der Moment für eine letzte Bemühung für einen Kompromiss sei gekommen.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Am selben Tag erklärte Saeed Khatibzadeh, Sprecher des iranischen Außenministeriums, bei der wöchentlichen Pressekonferenz, es gebe derzeit hinsichtlich der laufenden Verhandlungen keine Signale für eine schnelle Einigung und keinen Grund für Optimismus - noch für Pessimismus.

Auf Nachfrage der ARD fordert Khatibzadeh Garantien von den Verhandlungspartnern, dass ein Übereinkommen einen zukünftigen Regierungswechsel in den USA überdauere. "Wir müssen dafür sorgen, dass Washington nicht erneut internationale Beziehungen und internationales Recht lächerlich machen", so der Sprecher. Die USA seien unfähig, ihr Wort zu halten. Daher habe man der Gegenseite Vorschläge gemacht, wie eine solche Garantie aussehen könne. Da man sich in Verhandlungen befinde, könne man zu den Vorschlägen keine Details preisgeben.

Auf den Einwand, dass Regierungen demokratischer Länder ihr politisches System nicht für ein Atomabkommen ändern werden und jede zukünftige Regierung die Einhaltung von Vereinbarungen seitens des Iran möglicherweise neu bewertet, wollte Khatibzadeh nicht eingehen.

Sorgen des Unternehmers

Etwa 150 Kilometer südöstlich von Teheran verfolgt man das Ringen um eine Übereinkunft mit Sorge. Dort, in der iranischen Wüste, steht die Fabrik des Unternehmens Tara Spinning. Der 53-jährige Besitzer Omid Yaraghi wurde als Jugendlicher von seinem Vater nach München geschickt, um dort zur Schule zu gehen und sein Abitur zu machen. Nach dem Studium kam er in den Iran zurück und baute das Textilunternehmen auf, das heute einen jährlichen Umsatz von etwa 30 Millionen Euro erwirtschaftet.

Yaraghi sagt, die Sanktionen hätten seiner Baumwollspinnerei einerseits zu Wachstum verholfen, denn er produziere für 80 Millionen Iranerinnen und Iraner, die auch dann Kleider tragen müssen, wenn westliche Marken aufgrund der von US-Präsident Donald Trump im Jahr 2020 erlassenen Textilsanktionen gegen den Iran nicht liefern.

Omid Yaraghi | Oliver Mayer-Rüth, ARD Istanbul

Der Unternehmer Omid Yaraghi befürchtet Probleme auch bei einem positiven Verhandlungsergebnis bei den Atomgesprächen. Bild: Oliver Mayer-Rüth, ARD Istanbul

In seinem Werk stehen modernste Maschinen aus der Schweiz und Deutschland. Die Sanktionen führten dazu, dass er aus der Schweiz keine Ersatzteile mehr bekomme. Die deutsche Saurer-Gruppe liefere hingegen Technologie, weil das Unternehmen teilweise von Chinesen aufgekauft worden sei und diese die Sanktionen der USA ignorierten.

Geschäftspartner brachen jeden Kontakt ab

Die Konsequenzen der Sanktionen vor zwei Jahren haben Yaraghi überrascht. Bisherige Geschäftspartner, mit denen man stets einen guten Kontakt pflegte, hätten nicht mal mehr auf E-Mails oder Anrufe geantwortet. Die Leitungen seien plötzlich tot gewesen.

Yaraghi hofft, dass die Verhandlungen vor dem Neujahrsfest am 20. März zu einem positiven Ende kommen. Die Forderung des Regimes nach Garantien könne er nachvollziehen. Da Großbritannien, Frankreich und Deutschland der Kündigung des JCPOA-Atomabkommens durch den damaligen US-Präsidenten Trump kaum etwas entgegengesetzt haben, fehle im Iran jetzt das Vertrauen in das Wort der Europäer. Man halte diese für Washingtons Marionetten.

Yaraghi glaubt, dass es auch bei einem positiven Verhandlungsabschluss nach der nächsten Wahl in den USA erneut Probleme geben könnte. Denn wenn Trump wieder an die Macht komme, werde er erneut sanktionieren. Genau diese Skepsis teilten auch große Unternehmen wie Siemens oder Volkswagen. Sie dürften sich mit Investitionen zurückhalten, selbst wenn es ein Abkommen gebe. Das Regime habe es nicht eilig mit dem Abschluss der Verhandlungen. Denn den Druck aus den USA und die Drohungen, unter Umständen militärisch gegen die Atomanreicherung vorzugehen, nehme Teheran nicht sehr ernst.

Armut und Währungsverfall

Im großen Basar der Hauptstadt Teheran hoffen die Menschen dennoch auf ein schnelles Abkommen. Eine Frau, die ihren Namen nicht nennen will, klagt, es gehe kaum noch jemandem wirtschaftlich gut. Hier lebten die meisten unter der Armutsgrenze. Dazu verliere die Währung des Landes, der Rial, ständig an Wert.

Das harte Vorgehen der iranischen Führung gegen die eigene Bevölkerung in der Vergangenheit lässt Zweifel aufkommen, ob das Wohl der Iranerinnen und Iraner für das Regime im Zentrum der Verhandlungen steht. In Teheran heißt es, die Regierung und die Revolutionsgarden benötigten Geld, um die Institutionen und den Apparat aufrecht zu erhalten. Dennoch dürfte ein Abkommen kurz vor dem Neujahrsfest den Menschen im Iran Hoffnung geben. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 16. Februar 2022 um 16:24 Uhr.