Bei Mossul (Irak) sucht ein Mann mit einem Metalldetektor nach im Boden liegenden Explosivwaffen | AFP
Weltspiegel

Explosivwaffen im Irak Das tödliche Erbe der Kriege

Stand: 20.02.2022 11:19 Uhr

Kaum ein anderes Land der Welt ist mit Minen, Granaten und Raketen so belastet wie der Irak. Aber das Räumen ist aufwändig und teuer. Das schafft neues Leid und neue Opfer, die Mühe haben, an einfachste Prothesen zu kommen.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Mohammed Muaisser wollte mit seinen Freunden zum Fußball, den Trainingsanzug hatte er schon an. Dann aber büxte die einzige Kuh der Familie aus. Sein Vater Mouyasser stieg kurzerhand ins Auto, um sie wieder einzufangen. Mohammed wollte helfen, sprang auf den Beifahrersitz. Es wurde sein Verhängnis.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Auf einem Feldweg fuhr der Wagen über einen Sprengkörper, der direkt unter Mohammeds Sitz explodierte. "Es war eine gewaltige Explosion", erinnert sich der Vater. "Beide Beine von Mohamed wurden weggerissen."

Mohammed verlor das Bewusstsein, rang mit dem Tod. Sein Vater brachte ihn in eine Klinik. Die Ärzte retteten sein Leben, nicht aber seine Unterschenkel.

"Ich vermisse mein altes Leben sehr", sagt Mohammed heute, zehn Monate nach dem Unglück. Der 18-Jährige träumte von einer Karriere als Fußballstar. Ein Traum, der nun geplatzt ist. "Ich würde so gerne wieder Fußballspielen. Wenn ich zuschaue, wie meine Freunde spielen, tut das weh."

Was der IS hinterließ

Das tödliche Erbe des Krieges ist in der Provinz Ninewe noch immer allgegenwärtig. Vor fünf Jahren besiegten hier irakische Streitkräfte mit US-Unterstützung die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS). Tausende Granaten und Raketen gingen auf die Provinzhauptstadt Mossul nieder. IS-Kämpfer verminten sie.

Viele dieser Explosivwaffen sind mittlerweile zwar geräumt, längst aber nicht alle. Das Umland gilt noch immer als verseucht. Fast neun Millionen Irakerinnen und Iraker leben in den tödlichen Überresten. Kaum ein anderes Land der Welt ist mit Minen, Raketen und Granaten so massiv belastet. Der Süden vor allem durch den Golfkrieg gegen den Iran in den 1980er-Jahren, der Norden durch die Kämpfe gegen die Terrormiliz IS.

Ein "unbekannter Feind"

Sprengkörper aufzuspüren und zu entschärfen ist eine teure, zeitaufwändige, vor allem aber gefährliche Mission. "Wir arbeiten gegen einen unbekannten Feind, wissen nie ganz genau, wo er ist", sagt Shorsh Kassem von Handicap International. Allein im Irak kostet das Räumen von Sprengkörpern jährlich etwa 150 Millionen Euro.

Es kann noch Jahre dauern, bis das Land von der Last befreit ist. Doch die Zeit drängt. "Wenn wir unsere Arbeit in den nächsten zehn Jahren nicht zu Ende bringen, werden Menschen in den Hochrisikogebieten weiter sterben und Gliedmaßen verlieren", sagt Kassem.

Bei Mossul (Irak) erklärt die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation Jugendlichen, wie sie Explosivwaffen im Boden erkennen können. | AFP

Ein überlebenswichtiges Wissen: Bei Mossul erklärt die Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation Jugendlichen, wie sie Explosivwaffen im Boden erkennen können. Bild: AFP

Prothesen mit einfachsten Mitteln

Es trifft fast ausschließlich Zivilisten, auch viele Jugendliche und Kinder, die im Freien spielen wollen. In einem Rehabilitationszentrum in Mossul können Opfer Prothesen erhalten. Es ist die einzige Anlaufstelle in der Provinz. Jeden Monat suchen vier neue Patienten Hilfe.

Die Techniker montieren die Prothesen mit einfachsten Mitteln. Das Geld ist knapp, qualifiziertes Personal ebenso. "Am Anfang hatten wir überhaupt keine Techniker", erzählt der Chef des Zentrums, Ghanem Ahmed. Sie müssten noch viel mehr Techniker ausbilden und brauchen bessere Materialien für die Prothesen.

Prothesen stehen in einem Regal in einem Rehabilitationszentrum in Mossul (Irak) | ARD Kairo

Die Prothesen im Rehabilitationszentrum im Irak sind schwer - und es fehlt an geschultem Personal. Bild: ARD Kairo

Eine kiloschwere Last

Auch Mohammed hat hier wieder laufen gelernt. Er erhielt Prothesen, eine Physiotherapie, viel Zuspruch. Nun ist er sehr viel selbständiger, aber Einschränkungen bleiben. Die Prothesen sind 3,5 Kilo schwer, sitzen nicht gut, schmerzen ihn oft. Längere Strecken kann er bis heute nicht laufen.

Mühsam kämpft er sich zurück ins Leben. Seine Rolle als ältester Sohn der Familie aber kann er nicht ausfüllen. "Die meiste Zeit sitze ich herum", sagt er. "Ich kann nicht arbeiten, obwohl es eigentlich meine Aufgabe ist, meine Brüder zu unterstützen."

Mohammed Muaisser und seine Therapeutin Ikbal Younes | ARD Kairo

Die Therapeutin Younes hilft Muaisser, mit seinem neuen Leben zurechtzukommen und den Blick auf seine Fortschritte zu bewahren. Bild: ARD Kairo

"Ich habe nur meine Beine verloren, andere ihr Leben"

Neuen Lebensmut zu fassen, ist Mohammed am Anfang schwergefallen. Und doch hat er sich aufgerafft, zurück ins Leben gekämpft, schaut wieder nach vorne - auch dank vieler Gespräche mit seiner Therapeutin. "Es motiviert ihn, wenn er sich bewusst macht, wo er am Anfang stand und wo er jetzt steht", sagt Ikbal Younes von Handicap International. "Das ist so wichtig für seinen mentale Verfassung und macht ihn stärker."

Und doch brodelt es in ihm. Die Schuld für sein Leid und das von Millionen anderen Zivilisten in der ganzen Welt sieht er bei den Kriegstreibern, die Wohngebiete rücksichtlos bombardieren und verminen. "Sie zerstören und töten unentwegt", sagt Mohammed sichtlich aufgebracht. "Andere verlieren ihr Leben. Ich habe nur meine Beine verloren."

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 20. Februar 2022 um 18:30 Uhr.