In einemGebäude in Bagdad liegen Opfer des Selbstmordanschlags des IS vom 20.7.2021 aufgebahrt | AP

Irak vor Afghanistan-Szenario? "Uns droht das gleiche Schicksal"

Stand: 18.08.2021 04:53 Uhr

Nach dem Sieg der Taliban in Afghanistan fürchten viele Iraker ein ähnliches Szenario für ihr Land - einen Wiederaufstieg der Terrormiliz IS. Die USA wollen den Kampfeinsatz beenden, und der IS terrorisiert den Irak weiter.

Von Daniel Hechler, ARD-Studio Kairo

Es sind erschütternde Szenen. Auf dem Wahailat-Markt in Bagdad herrscht Panik und Entsetzen. Menschen schreien, etliche sind blutüberströmt. Familien wollen dort am 20. Juli Lebensmittel für das Opferfest einkaufen, als ein Selbstmordattentäter seinen Sprengstoffgürtel zündet.

Daniel Hechler ARD-Studio Kairo

Mehr als 30 Besucher kommen ums Leben, die meisten Opfer sind Frauen und Kinder. Die Terrormiliz IS ("Islamischer Staat") bekennt sich zu dem Anschlag.

Es ist bereits der dritte mit hohen Todeszahlen in diesem Jahr. Die IS-Kämpfer verbreiten so Angst und Schrecken im Irak, schüren konfessionelle Konflikte, wollen im Chaos Macht zurückgewinnen.

Sie verstecken sich in den Weiten der Wüste, in Tunneln, verlassenen Gebäuden, sollen in einigen Dörfern schon wieder zu den heimlichen Herrschern aufgestiegen sein. Aus dem Hinterhalt greifen sie Stellungen der Armee an, zerstören Strommasten, wollen die Infrastruktur treffen.

Der Markt von Bagdad, wo am 20.7.2021 ein Selbstmordattentaäter des IS sich und Marktbesucher tötete. | AFP

Der IS schlägt immer wieder zu, gerade an belebten Plätzen: In Bagdad traf es zuletzt den Markt. Bild: AFP

Wenig Erfolg gegen IS-Schläferzellen

Spezialeinheiten der irakischen Armee versuchen, sie in riskanten Operationen aufzuspüren und zu stellen, zuletzt am Samstag im Norden Bagdads. Ausgebildet wurden diese Einheiten von den USA und auch der Bundeswehr, mit modernen Waffen ausgestattet.

Aber gegen die Guerillataktik der selbst ernannten Gotteskrieger scheint kein Kraut gewachsen. Sie sind hoch motiviert, verfügen über beträchtliche Finanzmittel, erfreuen sich offenbar großen Zulaufs. "Diese Schläferzellen kommen immer wieder ans Tageslicht", sagt Professor Mohamed Harabi von der Universität Bagdad.

Aus Regierungsquellen hört der Politikwissenschaftler zwar, dass schon etliche IS-Kämpfer festgenommen worden seien. Aber die Situation sei längst nicht unter Kontrolle. "Die Regierung muss hellwach sein!", fordert er.

Erinnerungen werden wach

Der Sieg der Taliban in Afghanistan sorgt nun für neue Unruhe in dem krisengeschüttelten Land. Die Parallelen liegen auf der Hand. Mitte 2014 überrannten IS-Einheiten Mossul, die demoralisierte irakische Armee ergriff die Flucht. Die Terrormiliz eroberte im Sturm weite Teile Syriens und des Irak, errichtete ein Kalifat, terrorisierte über Jahre die Bevölkerung.

Mit dem Einsatz der Anti-IS-Koalition unter Führung der USA wurde der "Islamische Staat" zurückgedrängt. Im April 2019 fiel die letzte IS-Hochburg im syrischen Baghus.

Seither hat sich die Terrororganisation neu strukturiert, mit modernen Kommunikationsmitteln vernetzt, spürt Aufwind, wie Geheimdienste berichten. Fast zeitgleich zogen sich die USA auch aus dem Irak zurück.

"Natürlich freut sich der IS"

Bereits unter US-Präsident Donald Trump wurde die Truppenstärke auf 2500 Mann halbiert. Ende Juli kündigte US-Präsident Biden an, den Kampfeinsatz zum Jahresende ganz zu beenden.

Nun geht im Irak die Angst um, dass der IS wieder in das Vakuum stoßen, nach der Macht im Land greifen könnte. "Ich glaube, dass das Afghanistan-Szenario auch im Irak geschehen wird", sagt Gomaa al-Qureshy aus Bagdad. "Uns droht das gleiche Schicksal."

Auch Abdel Nasser Abed ist alarmiert: "Natürlich freut sich der IS über das, was in Afghanistan geschieht, es ist dieselbe Truppe, nur die Namen sind anders: IS, Al Kaida, Taliban."

"Wir können uns nicht verteidigen"

Tatsächlich schloss sich die Vorgängerorganisation des IS 2004 Al Kaida an. Das Verhältnis der führenden Köpfe war aber von Anfang spannungsreich, schnell taten sich ideologische Gräben auf, 2014 kam es zum Bruch. Im Ziel, die USA aus der Region zu vertreiben, sind sich beide Organisationen aber bis heute einig und waren ihm noch nie so nahe.

Politikwissenschaftler Mohamad Harabi warnt vor einem hastigen Rückzug der US-Truppen wie in Afghanistan: "Falls wir von Terrorgruppierungen angegriffen werden, können wir uns nicht verteidigen. Unsere Kämpfer können da nicht mithalten, sie sind nicht ausreichend ausgebildet."

Düstere Perspektiven

Der Wiederaufstieg der Terrormiliz im Irak wäre für Millionen Iraker nach dem Leid der vergangenen Jahre ein Albtraum. "Sie sind unerwünscht", meint Harabi. "Wir haben hier schon so viel durchgemacht mit Extremisten."

Zudem würde die Wirtschaft zusammenbrechen, viele Projekte zum Stillstand kommen, eine neue Fluchtbewegung entstehen, meint er. "Warum sollte dann noch einer hierbleiben?"

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. August 2021 um 08:29 Uhr.