Ein Mitarbeiter des Gesundheitswesens überprüft die Temperatur einer Frau im Dorf Bavla am Stadtrand von Ahmedabad (Indien) | REUTERS

Corona-Pandemie in Indien Das Virus wütet nun auf dem Land

Stand: 14.05.2021 13:25 Uhr

In Indien waren zuerst die Großstädte am schwersten von der Pandemie betroffen - nun breitet sich das Virus auf dem Land aus. Die möglichen Gründe: reisende Tagelöhner, das rituelle Bad im Ganges und die Wahlen.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Sarita Singh hat nur ihre Pflicht erfüllt. Sie hat als Wahlhelferin gearbeitet. "Ich habe ihr immer wieder gesagt, dass sie nicht gehen soll", sagt Saritas Mutter Kamla einem Reporter der Nachrichtenagentur AP. "Ich habe ihr oft gesagt: 'Geh nicht in die Pandemie, meine Liebe'. Aber sie sagte: 'Sie werden mich bei der Polizei anzeigen, wenn ich meine Pflicht nicht tue.'"

Peter Hornung ARD-Studio Neu-Delhi

Wahlhelferin an Covid-19 gestorben

Vor Saritas Haus haben sie Barrikaden errichtet - aus Stöcken und einem umgekippten Bett. Keiner soll dorthin gehen, denn die Grundschullehrerin und Mutter von drei Kindern ist an Covid-19 gestorben. Sarita war eine von 700 Lehrerinnen und Lehrern, die mutmaßlich an Covid-19 erkrankten, weil sie bei den jüngsten Wahlen helfen mussten - in Indiens bevölkerungsreichstem Bundesstaat Uttar Pradesh.

Die Wahlen in mehreren Bundesstaaten - und zuvor die Wahlverstaltungen mit Hunderttausenden Teilnehmern - werden als ein Grund gesehen für die Verbreitung des Virus im ganzen Land.

Menschenmassen beim Bad im Ganges

Das rituelle Bad im Ganges, die Kumbh Mela, hat wohl ebenso dazu beigetragen. Es waren Millionen Menschen, die sich im April im Bundesstaat Uttarakhand zusammenfanden. Die Appelle, Masken zu tragen und Abstand zu halten, waren vollkommen aussichtslos angesichts der Menschenmassen.

So habe das Virus freien Lauf gehabt, meint der Epidemiologe Lalit Kant: "Die Leute fahren in ihre Heimatbundesstaaten zurück - in überfüllten Bussen oder Zügen. Sie treffen unterwegs auf viele Menschen. Und nirgends gibt es Vorsichtsmaßnahmen. Es gibt beispielsweise Orte, da sind von den Kumbh Mela-Heimkehrern neun von zehn Corona-positiv."

Tagelöhner flohen in Heimatdörfer

Und auch die Tatsache, dass Megastädte wie Delhi und Mumbai strikte Lockdowns verhängten, wird als Grund für die rapide Zunahme der Fälle auf dem Land gesehen. Wie schon im vergangenen Jahr, verloren Hunderttausende Tagelöhner so ihr Einkommen und flohen in ihre Heimatdörfer. Viele von ihnen waren wohl infiziert.

Während sich die Lage in den Großstädten sehr langsam stabilisiert, wütet das Virus auf dem Land ungebremst - ausgerechnet dort, wo die medizinische Versorgung am schlechtesten ist.

70 Prozent der Fälle aus Dörfern

B. L. Vishnoi ist leitender Gesundheitsbeamter im westindischen Bundesstaat Rajastan. Er sagt: "Es stimmt, dass das Coronavirus dieses Mal die ländlichen Gebiete besonders hart trifft. Siebzig Prozent der Fälle im städtischen Krankenhaus kommen aus Dörfern. Wir haben Teams zusammengestellt, die wir in die Dörfer schicken, darunter Dorfverwalter und ländliche Gesundheitshelfer, um das Bewusstsein zu schärfen und Erhebungen durchzuführen."

Die Bilder, die man vor zwei, drei Wochen noch aus Delhi sah, sieht man nun aus Städten in der Provinz: Menschen, die ihre um Luft ringenden Angehörigen nicht in Krankenhäusern unterbringen können, weil es keine Betten gibt und keinen Sauerstoff.

Wahlhelferin Sarita bekam kein Bett

Auch die Wahlhelferin Sarita Singh sollte ins Krankenhaus, als sie bereits schwer krank war. Doch sie bekam keinen positiven Corona-Test. Das ist Voraussetzung, um ein Krankenhausbett zu bekommen. Als sie endlich einen hatte, war es zu spät.

Ihre Tochter Divya sagt: "Ich wünschte, sie wäre noch bei uns. Dann müssten wir das heute nicht tun." Heute sei doch ihr Geburtstag. "Heute sollten wir sie feiern, aber stattdessen müssen wir darüber reden, warum sie nicht unter uns ist."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 14. Mai 2021 um 12:00 Uhr.