Indische Farmer demonstrieren auf einem Laster ihre Stärke auf dem Weg zu einer Kundgebung bei Neu-Delhi | REUTERS

Protest gegen Agrarreform Die Wut der indischen Bauern

Stand: 02.02.2021 02:57 Uhr

Indiens Kleinbauern fürchten um ihre Existenz. Seit Monaten protestieren sie gegen eine Agrarreform - in ihren Augen stärkt sie vor allem die Großkonzerne. Dahinter steckt auch eine Erfahrung mit Monsanto.

Von Sibylle Licht, ARD-Studio Neu-Delhi

Das Protestcamp der Bauern am Stadtrand von Neu-Delhi gibt es seit zwei Monaten. Karam Vir Ary hat schon Proteste in seiner Heimatregion im indischen Bundesstaat Haryana organisiert, wurde zu einem Sprecher der aufgebrachten Bauern. Er steht hier, um gegen neue Landwirtschaftsgesetze zu protestieren. "Die Leute hier", sagt er, "vor allem die Landarbeiter und Klein- und Kleinstbauern bezeichnen sie als Schwarzmarktgesetze". 

Sibylle Licht ARD-Studio Neu-Delhi

Die indische Regierung will die Liberalisierung der Landwirtschaft vorantreiben und trifft einen Nerv. Denn die festen Aufkaufpreise sollen fallen - dagegen vor allem richtet sich der Protest. Arya glaubt, dass nur eine Gruppe davon profitiert: "Wenn nun die Marktpreise steigen, geht der Profit an die Großgrundbesitzer. Wenn die Preise fallen, bleibt der Verlust bei den Kleinbauern hängen. Das ist das Problem." Viele seien bereits hochverschuldet, sie könnten dann auch noch ihr Land verlieren.

Großgrundbesitzer, Großhändler oder Agrarkonzerne können nun außerdem riesige Mengen von Getreide oder Reis aufkaufen. Statt 10.000 Kilo, so Arya, seien jetzt 200.000 Kilogramm erlaubt. "Die werden jetzt bei niedrigen Marktpreisen kaufen und zu hohen Preisen wieder an die Armen diese Landes verkaufen." Die kleinen Leute Indiens würden ausgeplündert - "davor haben wir Angst".

Provisorische Zelte, die Bauern bei Neu-Delhi im Protest gegen neue Agrargesetze aufgebaut haben. | AP

Gekommen, um zu bleiben: In provisorischen Zelten wollen indische Bauern ihren Protest gegen die neuen Agrargesetze dauerhaft machen. Bild: AP

Reaktionen unterschätzt

85 Prozent von Indiens Bauern sind Klein- und Kleinstbauern. Als Indien im September den bisherigen Höhepunkt der Pandemie erlebte, stimmte das Parlament den neuen Landwirtschaftsgesetzen zu. Wenig später begannen die Proteste. Auch acht Treffen zwischen Regierung und Bauern brachten keine Annäherung, obwohl auch die Bauern einräumten, dass Indiens Agrarsektor Reformen brauche. Schließlich setzte das Oberste Gericht die neuen Gesetze erst einmal aus.

Premierminister Narendra Modi und seine hindunationalistische Partei BJP hatten unterschätzt, was sich da zusammenbraute. Zum Nationalfeiertag, dem Republic Day, entlud sich die aufgestaute Wut der Bauern. Aus einem anfangs friedlichen Protestmarsch auf Neu-Delhis Straßen wurde Gewalt. Ein Protestierender starb, 400 Polizisten wurden verletzt. Die Polizei war zeitweise nicht mehr Herr der Lage.

40 Bauern-Gewerkschaften haben inzwischen mehr als eine halbe Million Bauern und Landarbeiter mobilisiert. Es sind die größten Proteste gegen Modis Politik seit seiner Amtsübernahme 2014.

Bei bauernprotesten in Indien wirft ein Demonstrant eine Tränengas-Kartusche zurück auf die Polizei | AFP

Die Proteste eskalieren immer wieder - hier wirft ein Demonstrant eine Tränengas-Kartusche zurück. Bild: AFP

Bauern verbrennen den Text der neuen Agrargesetze in Indien aus Protest | REUTERS

Das Papier nicht wert: Bauern verbrennen aus Protest den Text der neuen Agrargesetze. Bild: REUTERS

Der Faktor Monsanto

Die Angst der Bauern hat noch einen weiteren Grund. Indiens Baumwollanbau wird bereits von Mahyco Monsanto Biotech kontrolliert, einer Tochter des deutschen Bayer-Konzerns. Monsanto hatte 2002 gentechnisch verändertes Baumwollsaatgut in Indien auf den Markt gebracht.

Heute kontrolliert die Firma 90 Prozent des indischen Baumwollmarktes und diktiert die Preise.           

Protestzug von Bauern in Indien, die sich gegen neue Agrargesetze wehren | AP

Seit mehr als zwei Monaten demonstrieren die Bauern in Indien - und nichts deutet darauf hin, dass sich der Protest abschwächt. Bild: AP

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. Januar 2021 um 11:00 Uhr.