Impfung Türkei | dpa

Corona in der Türkei Von Impfchaos keine Spur

Stand: 05.02.2021 13:02 Uhr

Vergleichsweise spät angefangen, aber dann kräftig aufgeholt: Die Impfkampagne in der Türkei läuft relativ reibungslos. Inzwischen sind dort mehr Menschen geimpft als in Deutschland.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Die türkische Regierung hat in Sachen Corona-Management einige Kritik einstecken müssen: zu intransparent, gefälschte Infektionszahlen, Fehler beim Kauf des chinesischen Impfstoffs zum Beispiel. Beim Impfen selbst scheint sie aber einiges richtig zu machen.

Zwar haben die ersten Türken den Impfstoff erst Mitte Januar gespritzt bekommen, also deutlich nach den Deutschen. Seitdem wurden aber rund 2,5 Millionen Menschen geimpft. In Deutschland waren es bis zum 3. Februar erst rund 2,1 Millionen. Die Terminvergabe und die Organisation scheinen in der Türkei verhältnismäßig rund zu laufen.

"Überraschend simpel"

Bei der türkischen Impf-Hotline bekommt man erst einmal eine elektronische Ansage: Man solle seine Ausweisnummer bereithalten. Zusätzlich wird darauf hingewiesen, dass man auch über eine App einen Termin ausmachen könne. Dann stellt sich ein Mitarbeiter am anderen Ende vor. Er geht alles Punkt für Punkt durch, bis er schließlich einen Termin vergibt - überraschend simpel.

Der Istanbuler Arif hatte auch erst über die Hotline probiert, einen Impftermin für seinen 87-jährigen Schwiegervater Güneri auszumachen. "Das war schier unmöglich, man ist überhaupt nicht durchgekommen, ständig war besetzt", erzählt er. "Das war mir zu nervig. Darum habe ich es über die entsprechende Webseite im Internet mit meinem Laptop versucht." Zunächst habe er sich ein YouTube-Video mit einer Anleitung angeschaut. "Und dann hat es insgesamt keine zwei Minuten gedauert mit dem Termin."

Er habe sogar noch auswählen können, ob er den Termin beim Hausarzt oder in einem Krankenhaus haben möchte. "Ich habe die Hausarztpraxis angeklickt. Dann kam ein Code aufs Handy, den habe ich eingetippt und die Bestätigung bekommen, dass mein Schwiegervater erfolgreich angemeldet sei. Schließlich habe ich noch einen Tag und eine Uhrzeit gewählt."

Güneri aus Istanbul hat sich impfen lassen |

Der 87 Jahre alte Güneri aus Istanbul hat sich nach anfänglichen Zweifeln für eine Impfung entschieden.

"Ich wollte erst gar nicht"

An einem Nachmittag stapft Güneri schließlich in Jeans, dunklem Pulli und Steppweste und natürlich mit weißem Mundschutz an den Berg zu seiner Hausarztpraxis hoch. Drinnen kommt er schnell dran: Er solle sich auf einen Stuhl setzen, erklärt eine Krankenschwester, und den Oberarm freimachen. Schon ist die Spritze drin. Zehn Minuten muss er noch in der Praxis bleiben, falls es eine allergische Reaktion gibt. Schließlich bekommt er noch einen Zettel mit Informationen für die zweite Corona-Impfung in 28 Tagen. Das war es auch schon.

"Ich wollte ja erst gar nicht, weil man weiß ja nicht, wie der Impfstoff wirkt, welche Nebenwirkungen auftreten", sagt Güneri. "Aber jetzt lassen sich ja nach und nach alle impfen, deswegen habe ich es auch gemacht."

Was ist, wenn die Jüngeren drankommen?

Die Türkei hat den Impfstoff Sinovac aus China gekauft. Anfangs gab es Lieferschwierigkeiten, aber nun geht es zügig voran. Laut Impfplan war Güneri mit seinen 87 Jahren in der ersten Gruppe - gleich nach Ärzten, Krankenhaus- und Pflegeheimpersonal sowie Pflegeheimbewohnern und Apothekern. Alles sei kostenlos gewesen, berichtet er. "Aber ich hätte auch dafür bezahlt, wegen meiner Gesundheit. Was bleibt einem denn übrig?"

Sein Schwiegersohn Arif schaut zufrieden. Es war wohl richtig, ihn zu überreden. Er selbst ist 65. "Das System scheint ja ganz gut zu funktionieren", sagt er. "Aber ob das auch so bleibt? Also ob es auch so gut funktioniert, wenn die Jüngeren drankommen, beispielsweise die unter 65? Wird es dann noch genug Impfdosen geben? Werden wir die zweite Dosis bekommen?"

Impfstoff reicht zunächst für 25 Millionen Menschen

Angeblich hat die Türkei insgesamt 50 Millionen Impfdosen aus China gekauft, das reicht für 25 Millionen Menschen im Land - und wohl ziemlich sicher auch für Arifs Schwiegervater. Der soll Anfang März wiederkommen. "Aber die Anmeldung für einen Termin müssen wir noch mal machen, die gleiche Prozedur für einen Termin."

Güneri hört da schon nicht mehr zu. Er scheint froh zu sein, dass sein Schwiegersohn das alles für ihn übernimmt. Bis jetzt gehe es ihm gut, sagt er, keine Beschwerden - in jeder Hinsicht.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. Februar 2021 um 16:47 Uhr.