Pulverfass Naher Osten:  Droht ein neuer Krieg zwischen Israel und der Hamas? | ANAS BABA / AFP
Hintergrund

Nahost-Konflikt Von einer Gewaltwelle zur nächsten

Stand: 21.05.2021 07:56 Uhr

Auch wenn die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas für eine kurze Beruhigung der Lage sorgt, die Probleme im Nahost-Konflikt bleiben ungelöst. Welche sind das - und wie kam es zur jüngsten Eskalation?

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Diese Bilder gingen um die Welt: die Al-Aksa-Moschee auf dem Tempelberg, arabisch: Haram al-Scharif. Israelische Sicherheitskräfte dringen vor etwa zwei Wochen in die Moschee vor, schießen mit Tränengaskartuschen und Schreckgranaten. Palästinenser werfen teilweise mit Feuerwerkskörpern. Israel sagt, palästinensische Randalierer hätten in der Moschee Schutz gesucht. Es sind auch diese Bilder, die der Hamas im Gazastreifen einen Anlass liefern.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Sie schießt mehrere Raketen auf den Großraum Jerusalem. In der Stadt, die sowohl Israelis als auch Palästinenser als Hauptstadt beanspruchen, ertönt Raketenalarm. Die Hamas bezeichnet die Al-Aksa-Moschee als rote Linie. Sie inszeniert sich als Verteidigerin der islamischen Heiligtümer. Auch Israels Premierminister Benjamin Netanyahu spricht von einer roten Linie. Er meint die Raketen auf Jerusalem. Die israelische Luftwaffe reagiert mit heftigen Angriffen auf den Gazastreifen. Die jüngste kriegerische Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen beginnt. Doch was genau führte über Wochen zu den enormen Spannungen in Ost-Jerusalem?

Jerusalem im Zentrum des Konflikts

Zunächst der Hintergrund: Im Sechstagekrieg von 1967 eroberte Israel Ost-Jerusalem. Völkerrechtlich hält Israel diesen Teil der Stadt besetzt. Die Regierung betrachtet jedoch ganz Jerusalem als unteilbare Hauptstadt. Die Palästinenser hingegen wollen in Ost-Jerusalem die Hauptstadt eines künftigen, souveränen Staates errichten. Auch wegen der enormen religiösen Bedeutung steht Jerusalem im Zentrum des Nahost-Konfliktes.

Die Spannungen nehmen seit etwa einem Monat zu. Nur ein Beispiel: Auf Tik-Tok tauchen Videos auf, in denen palästinensische Jugendliche Juden angreifen, wie in der Straßenbahn von Jerusalem mit einer Ohrfeige. Rechtsnationale bis rechtsextreme jüdische Organisationen nehmen das zum Anlass, Palästinenser anzugreifen. Die wiederum schlagen auch zurück. Es kommt zu schwerer Gewalt zwischen Arabern und Juden. Und das im muslimischen Fastenmonat Ramadan. In dieser Zeit stellt die israelische Grenzpolizei Absperrungen auf. Sie will verhindern, dass palästinensische Jugendliche am Abend am Damaskus-Tor sitzen. Es kommt zu schweren Zusammenstößen.

Zwangsräumung palästinensischer Familien?

Genauso wie in Sheikh Jarrah, einem arabischen Viertel in Ost-Jerusalem. Hier könnten bald palästinensische Familien zwangsgeräumt werden. Rechtsnationale und rechtsextreme jüdische Kräfte melden Ansprüche an. Obwohl die Konflikte im Viertel seit Jahren währen, entsteht in diesen Wochen eine breite pro-palästinensische Bewegung für die Familien. Auch im Internet. In dieser Phase sagt der palästinensische Präsident Machmud Abbas die Parlamentswahl ab. Es wäre die erste nach über 15 Jahren gewesen.

Abbas begründet die Absage damit, dass Israel die Wahl in Ost-Jerusalem nicht ermöglicht habe. Viele sagen: In Wahrheit hat Abbas Fatah-Partei kein Interesse an der Wahl. Ausgerechnet die Hamas steht gut in Umfragen da. Sie will diese Wahl. Wäre die Parlamentswahl nicht abgesagt worden - die Hamas hätte wohl weniger Interesse an einer schweren Eskalation gehabt.

Selbst wenn nun die Waffen zwischen Israel und Gaza schweigen sollten: Die Probleme in Ost-Jerusalem sind nicht gelöst, der grundsätzliche Konflikt um Territorium. Die mögliche Zwangsräumung in Sheikh Jarrah. Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischen Grenzpolizisten auf dem Tempelberg. Es ist wie häufig im Nahostkonflikt: Gewaltwellen enden. Kernprobleme bleiben bestehen. Bis zur nächsten Gewaltwelle. Weil die Lage in Jerusalem so angespannt ist, könnte die schon bald kommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Mai 2021 um 05:51 Uhr.