Mädchen spielen Fußball auf dem Fußballplatz im Flüchtlingslager Zataari. | Lutheran World Federation / Albin Hillert

Flüchtlingscamp in Jordanien Fußball gegen die Perspektivlosigkeit

Stand: 05.02.2022 14:14 Uhr

Im Lager Zaatari in Jordanien leben etwa 80.000 syrische Flüchtlinge, viele Kinder sind hier aufgewachsen. Hoffnung gibt ihnen etwa der Fußball - ganz besonders den Mädchen.

Von Miriam Staber, ARD-Studio Kairo

"Schieß aufs Tor", ruft eine der Spielerinnen. "Nein, zu mir", die andere. Die Mädchen spielen Fußball im Flüchtlingslager Zaatari. Das Training macht ihnen Spaß, obwohl es kalt ist in Jordanien - sie tragen ihre Trikots über dicken Leggins und Pullis.

Eine von ihnen ist die zwölfjährige Doha. "Ich liebe Fußball, weil ich dabei neue Leute kennenlerne. Wir spielen zusammen, ich bin begeistert von diesem Sport. Und ich lerne viel, es ist sehr interessant", sagt sie.

Im Camp aufgewachsen

Dohas Familie ist wie die anderen rund 80.000 Menschen in Zaatari wegen des Krieges in Syrien nach Jordanien geflüchtet. Sie hat fast ihr ganzes Leben in Zaatari verbracht. Nach der Schule spielt sie drei Mal pro Woche Fußball bei Trainer Basel. Der 40-Jährige kommt selbst aus Syrien.

Zwei Kinder spielen Fußball. | Lutheran World Federation / Albin Hillert

Zwei Mädchen trainieren im Flüchtlingscamp Zaatari Torschüsse. Bild: Lutheran World Federation / Albin Hillert

Der Großteil der Mitarbeitenden des Lutherischen Weltbunds, zu dem der Fußballplatz gehört, sind Geflüchtete. In Syrien hatte Basel im Handel gearbeitet, spielte aber auch Fußball in einer Liga, die etwa der deutschen Bezirksliga entspricht.

Er ist froh, seine Erfahrungen aus Syrien im Flüchtlingslager einbringen zu können. "Das Wichtigste, was ich den Kindern beibringen will, sind Teamgeist und Sportlichkeit. Und ich will die Mädchen motivieren. Es freut mich, dass sie beim Training ihre Energie rauslassen können."

Das Fußballtraining in Zaatari ist nicht nur ein Sport, es gibt auch Struktur. Im Camp gibt es zwar inzwischen Schulen und Krankenhäuser, aber es herrschen immer noch viel Armut, Arbeits- und Perspektivlosigkeit.

Ameera Khamis, die Leiterin der Projekte des Lutherischen Weltbunds in Jordanien, sagt: "Wir wollen einen sicheren Ort für Mädchen und Frauen bieten, damit sie sich erholen und Spaß haben können. Wir haben viele Angebote für Kinder - und so wollen wir auch die Mütter unterstützen und ermutigen. Es ist eine große Herausforderung im Camp, dass es keine Angebote für Kinderbetreuung gibt."

Camp besteht seit zehn Jahren

Das Zaatari Camp war 2012 mitten in der Wüste entstanden. Inzwischen haben sich die Lebensbedingungen dort stark verbessert: Die Menschen konnten mit internationaler Hilfe aus provisorischen Zelten in eine Art Container-Häuschen ziehen.

Jetzt gehe es darum, Zaatari langfristig unabhängig von internationaler Hilfe zu machen, so Dominik Bartsch vom UN-Flüchtlingskommissariat in Jordanien.

"Es geht tatsächlich um eine Transformation. Dass wir aus der Hilfsabhängigkeit ein System entstehen lassen können, das den Menschen selbst mehr Mitgestaltungsmöglichkeiten gibt und mehr direkte Möglichkeiten, sich einzubringen. Damit sie letztendlich für sich und ihre Familien einen Lebensunterhalt verdienen können."

Dafür braucht das kleine und verhältnismäßig arme Land Jordanien aber vorerst weiter finanzielle Unterstützung der Internationalen Gemeinschaft. Auch, weil die Corona-Pandemie dem Camp zusätzlich zugesetzt hat, erklärt Bartsch: "Es gibt viele Flüchtlingsfamilien, die zusätzliche Einkommensmöglichkeiten zum Beispiel durch informelle Arbeit in der Landwirtschaft verloren haben. Die deswegen ihre Kinder aus der Schule abziehen, um zu versuchen, noch zusätzlich Einkommen zu bekommen."

Der Fußballplatz und das Zentrum des Lutherischen Weltbunds bilden eine Oase im Zaatari Camp, die trotz aller Probleme und Herausforderungen Mut macht.

Kinder beim Fußballtraining. | Lutheran World Federation / Albin Hillert

Coach Basel trainiert morgens die Jungs, nachmittags die Mädchen. Bild: Lutheran World Federation / Albin Hillert

Hier trainiert Coach Basel vormittags die Jungs-Gruppen, nachmittags die Mädchen-Mannschaft. Nicht alle im Camp finden es gut, dass Mädchen Fußball spielen. Aber der Fußballplatz ist umzäunt, man kann von außen nicht hineinschauen. "Die Meinungen darüber hier sind etwas geteilt. Aber weil es um Fußball geht und Fußball beliebt ist, gibt es auch Zustimmung dazu, dass Mädchen trainieren. Klar spielen mehr Jungs Fußball, aber auch Mädchen dürfen zum Training kommen", so Basel.

Viele Verbesserungen in zehn Jahren

Im Flüchtlingslager hat sich in den vergangenen zehn Jahren vieles verändert - vieles hat sich verbessert, auch durch Projekte wie den Fußballplatz. Denn dort können nicht nur die Kinder, sondern auch Eltern und Mitarbeitende wie Trainer Basel Hoffnung schöpfen. "Es gibt so viele Talente hier im Camp, Jungen und Mädchen. Ich wünsche mir, dass diese Kinder die Chance haben, aus dem Camp herauskommen. Das ist unser Recht. Wir sind nicht nur Flüchtlinge hier im Lager, wir sind Menschen mit Ambitionen und Träumen, die wir verwirklichen wollen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 05. Februar 2022 um 07:51 Uhr.