Eine U-Bahn-Kundin bezahlt per Facepay ihr Ticket in Moskau | AFP

FacePay in Moskauer Metro Gesicht ersetzt Fahrkarte

Stand: 17.10.2021 10:32 Uhr

In der Moskauer U-Bahn können Fahrgäste ab sofort mit einem Blick in eine Kamera bezahlen. Das ist praktisch und schnell. Doch auch Bedenken über eine nahtlose Überwachung werden laut.

Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

An die Schranke herantreten, kurz in die Kamera schauen - springt das Licht auf "grün", ist die Fahrt bezahlt und der Weg zur Metro-Station wird freigegeben. FacePay heißt das neue Bezahlsystem via Gesichtserkennung.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

Für den 36 Jahre alten Blogger Dmitrij Artjuchow ist das ein moderner und praktischer Weg, die Moskauer Metro zu nutzen. "Ich habe ständig meine Metro-Karte verlegt. Zwar kann man am Eingang auch mit seiner Bankkarte bezahlen, die wollte ich in dem Gedränge aber nie rausholen", sagte er. "Und jetzt: Ich schaue in die Kamera und kann reingehen. Es ist sehr bequem, es spart Zeit. Und die Hände sind frei. Der Betrag wird automatisch vom Konto abgebucht."

Artjuchow ist einer von 15.000 Freiwilligen, die das System zweieinhalb Monate lang getestet haben. Nun können es alle Fahrgäste nutzen, wenn sie sich vorab auf der Internetseite der Moskauer Metro registrieren, dort ihre Telefonnummer und Bankverbindung hinterlegen und ein aktuelles Foto von sich hochladen.

FacePay in der Moskau U-Bahn | AFP

Einmal reinschauen bitte. Biometrische Gesichtserkennung in der Moskauer Metro Bild: AFP

Sorge über Missbrauch der Technik

Sorgen um die Sicherheit seiner Daten macht sich Artjuchow nicht: "Ich habe mehrere Bankkarten und verwende die, auf der nur wenig Geld ist. Ich bin nicht irgendwie bekannt und auch kein Politiker, so dass man kompromittierendes Material über mich sammeln könnte."

Damit spricht er jedoch einen Punkt an, der einigen Datenschützern und IT-Experten in Russland große Sorgen bereitet. So wie Michail Klimarew, Direktor der Gesellschaft zu Verteidigung des Internets. "Das Problem ist nicht, dass jemand eine bestimmte Geldsumme abhebt, nur weil ich an einer Kamera vorbeigelaufen bin", sagt er. "Das Problem ist, dass das System gegen mich verwendet werden kann. Zum Beispiel, um mich als Teilnehmer einer Demo zu identifizieren."

So wurden beispielsweise im Nachgang der letzten Pro-Nawalny-Demo einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer festgenommen. Nach eigener Aussage, weil sie durch die Gesichtserkennungssoftware identifiziert worden seien. 

Immer häufiger werden biometrische Daten gefordert

Besonders staatliche Unternehmen würden ihre Kunden immer häufiger auffordern ihre biometrischen Daten zu hinterlegen, erklärt IT-Spezialist Klimarew. Das gehe bis hin zu Stimmproben für eine mögliche Spracherkennung. Argumentiert werde in erster Linie mit einer besonders guten Absicherung gegen Hacks oder Betrugsversuche - doch biete die neue Technologie auch das Potential zu einer umfassenden Überwachung der russischen Bürgerinnen und Bürger.

Vor allem, wenn diese Daten auch noch in einem zentralen, für die Behörden zugänglichen Register erfasst würden. Wie schnell das passieren werde, wisse er ich, sagt Klimarew. "Aber ich denke, dass es allmählich, mit kleinen Schritten in diese Richtung geht. Wie George Orwells Roman '1984' - nur im richtigen Leben."

FacePay-Nutzer Artjuchow sieht das eher pragmatisch: "Jeder der schon einmal in der U-Bahn oder im Bus war, wurde von Kameras gefilmt. Wer sich über so etwas Sorgen macht, braucht gar nicht erst nach Moskau zu fahren."

In der russischen Hauptstadt sind mehr als 200.000 Überwachungskameras installiert. Wie viele davon bereits mit der Software zur Gesichtserkennung ausgestattet sind, ist nicht bekannt. Bald aber sollen es alle sein.

 

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Oktober 2021 um 05:18 Uhr.

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KOMMENTARE

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Autochon 17.10.2021 • 19:59 Uhr

Das mobile internetgerät

Vor dem ich hier sitze war beim kauf so voreingestellt, das es beim klick eines Bezahlbuttons und einem Blick in die Kamera einen Kauf tätigte. Es gibt dergleichen also auch in Staaten, die sich als Musterdemokratien sehen. Aber in autoritären/totalitaeren Staaten entwickelt sich dergleichen wohl zügiger. Weil die jeweiligen Technologien intensiv vom Staat für Überwachung genutzt werden und schnell eine gewisse Reife erreichen dürften.