Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin | AFP

Treffen von Erdogan und Putin Russisch-türkische Zweckfreundschaft

Stand: 05.08.2022 04:43 Uhr

Zum zweiten Mal seit Beginn des Ukraine-Kriegs kommen Russlands Präsident Putin und der türkische Staatschef Erdogan zum Gespräch zusammen. Es ist kein Treffen von Freunden - aber von Zweien, die wissen, dass sie sich brauchen.

Von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau

Die Tagesordnung, ließ Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow im Vorfeld des Treffens durchblicken, habe es in sich: Es werde um eine stärkere Zusammenarbeit im militärtechnischen Sektor, in den Bereichen Energie und Wirtschaft gehen. Um globale Fragen. Aber natürlich auch um regionale Krisen und Konflikte.

Christina Nagel ARD-Studio Moskau

"Dazu gehören sowohl Syrien, als auch die Ukraine. Es ist eine gute Gelegenheit, sich darüber auszutauschen, wie effizient das Abkommen über die Getreideausfuhr aus den ukrainischen Häfen ist", so Peskow. Der russischen Seite geht es dabei vor allem darum, dass nun - wie mithilfe der Türkei und der Vereinten Nationen vereinbart - auch Beschränkungen für die Ausfuhr von russischem Getreide und Düngemitteln aufgehoben werden.

Die Türkei - ein wichtiger Partner in Kriegszeiten

In Sachen Sanktionen spiele die Türkei für Russland gerade generell eine wichtige Rolle, sagt Amur Gadgijew, Direktor des Zentrums für Studien der modernen Türkei in Moskau. In der aktuellen geopolitischen Lage ermöglichen die Pipelines TurkStream und Blue Stream nicht nur Gas-Lieferungen in die Türkei, sondern auch weiter - in die osteuropäischen, baltischen und mitteleuropäischen Länder. Es ist quasi eine Plattform zur Lieferdiversifizierung russischer Rohstoffe.

Die Türkei springe auch dort ein, wo es - bedingt durch den Rückzug westlicher Firmen vom russischen Markt - Waren- und Lieferengpässe gebe, so Gadgijew. Denn auch, wenn der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Einmarsch Russlands in die Ukraine kritisiert, an westlichen Sanktionen beteiligt er sich nicht.

Kooperation in Sachen Energie ...

Die Türkei arbeite vielmehr im eigenen Interesse weiter daran, sich als globaler Handels- und Verkehrsknotenpunkt zu positionieren, erklärt der russische Politologe Wladimir Awatkow: "In diesem Zusammenhang ist für sie prinzipiell wichtig, Kooperationen einzugehen, um neue Handelswege zu erschließen. Von Norden nach Süden und von West nach Ost."

Ein Pragmatismus, den der Kreml zu schätzen und zu nutzen weiß. Für Moskau hat gerade die Zusammenarbeit im Energie- und im militärtechnischen Bereich nicht nur wirtschaftspolitischen, sondern auch strategischen Charakter - immerhin ist die Türkei NATO-Mitglied.

... und im militärischen Bereich

Sehr zum Ärger der Bündnispartner hatte die Türkei vor einigen Jahren in Russland das Raketenabwehrsystem S-400 gekauft. Nun wird über einen neuen Deal spekuliert: über eine mögliche Zusammenarbeit im Bereich der türkischen Bayraktar-Kampfdrohnen. "Vom technologischen Standpunkt und ihrer Einsatztauglichkeit haben sie sich als sichere, effektive Systeme erwiesen. Deswegen glaube ich, dass das Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Türkei auf diesem Gebiet keine wirkliche Überraschung ist", sagt der russische Türkei-Experte Gadgijew.

Gut möglich, dass der türkische Präsident hier ansetzt, um eines seiner Hauptanliegen durchzusetzen. Erdogan hätte gern grünes Licht aus dem Kreml, um in Syrien eine Militäroperation gegen die Kurden zu starten. Bislang lehnen Moskau und auch Teheran dies ab.

Nicht nur in Syrien, auch in Libyen oder im Konflikt um die Kaukasus-Region Bergkarabach vertreten Moskau und Ankara unterschiedliche Interessen, stehen auf unterschiedlichen Seiten.

Die Beziehung zwischen beiden Ländern - sie ist mitunter kompliziert, für beide Seiten aber gerade von großem Nutzen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. August 2022 um 08:08 Uhr.