Eine Corona-Infizierte mit Atemproblemen liegt auf einem Stuhl (in Ghaziabad, Indien) | AFP

Coronavirus in Indien Der Tod ist allgegenwärtig

Stand: 03.05.2021 08:04 Uhr

Am Wochenende starben in Indien so viele Corona-Infizierte wie noch nie. Der Tod ist längst allgegenwärtig - die Menschen sterben im Krankenhaus, zu Hause, auf der Straße. Der Druck auf die Regierung steigt.

Von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Anthony Patricks Cousine ist gestorben, mit 51, und jetzt wird sie beerdigt. "Ihr Name war Daisy Dass und sie lebte mit ihrer 11-jährigen Tochter, die sie adoptiert hatte", erzählt Anthony. "Sie hatte keine Vorerkrankungen, aber dann wurde sie positiv auf Corona getestet. Das Virus hat ihre Lungen in Mitleidenschaft gezogen. Außerdem war sie recht kräftig, weshalb sie in dieser schwierigen Situation Probleme beim Atmen bekam."

Peter Hornung

Daisy gehörte - wie ihr Cousin Anthony - zur katholischen Minderheit in Indien, deshalb wurde sie beerdigt, nicht eingeäschert, wie es die Hindus tun. Diese Beerdigung am vergangenen Samstag konnte Anthony aber nur in einem Live-Video verfolgen. Wenn Corona-Tote beerdigt werden, dürfen nur sehr wenige dabei sein.

"Herzzerreißend, zu sehen, wie sie das alleine durchmacht"

"Nicht an ihrer Beerdigung teilnehmen zu können, war schon schlimm, aber nicht in der Lage zu sein, sie zu besuchen oder in dieser schweren Zeit bei ihr zu sein, war das Schlimmste," sagt Anthony. "Es kann doch nicht sein, dass jemand alleine leidet." Diese Situation sei für alle Verwandten sehr hart gewesen, da niemand ins Krankenhaus durfte, und der Lockdown habe diese Hilflosigkeit noch verstärkt. "Wir sind zusammen aufgewachsen, also war es ziemlich herzzerreißend, nur am Bildschirm zu stehen und zu sehen, wie sie das alles alleine durchmacht."

Einschneidende Maßnahmen gefordert

Was Anthony, Mitarbeiter des ARD-Studios in Neu-Delhi, durchmachte, das erleben in Indien gerade viele Familien. Ihre Lieben gehen am Coronavirus zugrunde, oft elendig und alleine. Für Daisy fand sich erst spät ein Intensivbett im Krankenhaus, sie wurde beatmet, doch es war zu spät.

Knapp 3.700 Menschen starben offiziellen Angaben nach am Samstag, ein trauriger Tagesrekord. Dabei sei diese Zahl grotesk zu niedrig, berichten indische Medien. Viele Tote kämen in der offiziellen Statistik nicht vor, heißt es. Den Krematorien geht mancherorts schon das Brennholz aus.

Angesichts der katastrophalen Situation fordert Dr. Randeep Guleria im indischen Nachrichtensender NDTV einschneidende Maßnahmen. Guleria ist Ärztlicher Direktor des renommiertesten AIIMS-Krankenhauses. "Zumindest in den Regionen, wo die Positivrate größer als zehn Prozent ist, sollten wir einen aggressiven Lockdown haben", sagt Gulerie. "Und wenn ich sage 'aggressiven Lockdown', dann meine ich das auch. Nicht irgendwelche Wochenend-Lockdowns oder nächtliche Ausgangssperren. So einen Lockdown, wie wir ihn letztes Jahr hatten, sollten wir umsetzen."

 Erneut Hilferufe aus Krankenhäusern

Seit über einer Woche schon gibt es einen großen Mangel an medizinischem Sauerstoff. Auch am Wochenende kamen wieder Hilferufe aus Krankenhäusern, der Sauerstoff gehe aus. Für Dr. Guleria eine katastrophale Situation: "Zu sehen, wie Patienten sterben mit einer Sauerstoffsättigung von 70, 80 Prozent - und wir haben nicht genug Sauerstoff, den wir ihnen geben können, das ist für jeden in unserem Beruf sehr frustrierend und deprimierend." 

Internationale Hilfslieferungen angekommen

Indiens Regierung ist unter Druck, endlich effektiv gegenzusteuern. Premierminister Narendra Modi hatte zwar versprochen, mehr als 550 Sauerstoffanlagen an Krankenhäusern einrichten zu lassen. Doch das braucht Zeit, die viele Menschen nicht haben.

Unterdessen sind am Wochenende zahlreiche Hilfslieferungen in Neu-Delhi angekommen. Insgesamt 40 Länder liefern medizinische Geräte, Medikamente und Schutzausrüstung. Aus Deutschland kamen am Samstag 120 Beatmungsgeräte. In dieser Woche soll zudem eine mobile Sauerstoffanlage aufgebaut werden. Dafür ist ein Team von Bundeswehr-Sanitäterinnen und Sanitätern derzeit in Neu-Delhi.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 02. Mai 2021 um 22:45 Uhr.

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Moderation 03.05.2021 • 16:46 Uhr

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