Straßenszene in Peking | REUTERS

Jüngste Volkszählung in China Chinas Bevölkerung könnte bald schrumpfen

Stand: 11.05.2021 09:30 Uhr

Immer weniger Babys, immer mehr Menschen über 60 Jahre. In den vergangenen zehn Jahren ist die Bevölkerung nur noch leicht gewachsen, die Gesellschaft droht zu überaltern. Für Peking eine "alarmierende" Entwicklung.

China kämpft mit einem massiven Geburtenrückgang und einer rapide alternden Bevölkerung. In den vergangenen zehn Jahren ist die Bevölkerung nur noch um jährlich 0,53 Prozent auf etwa 1,4 Milliarden Menschen gewachsen - so langsam wie seit den 50er-Jahren nicht mehr. Das ergab die jüngste Volkszählung. Sie wird alle zehn Jahre erhoben.

Die Überalterung des Milliardenvolkes schreitet damit unaufhaltsam voran: Die Zahl der Chinesen über 60 Jahre sei seit 2010 um 5,4 Prozent auf 264 Millionen gestiegen, so Pekings Statistikamt. Damit ist heute knapp jeder fünfte Chinese schon über 60 Jahre alt, während die Bevölkerungsgruppe im arbeitsfähigen Alter weiter zurückgeht.

Geburtenrate auf dem Niveau von Italien oder Japan

Grund dafür ist die sinkende Geburtenrate: Statistisch bekommt eine Frau 1,3 Kinder. Staatsmedien bezeichnen das als "alarmierend". Im Vergleich zu 2019 wurden im vergangenen Jahr sogar 15 Prozent weniger Neugeborene gemeldet - etwa zehn Millionen Babys. 2019 waren es fast zwölf Millionen. Die Geburtenrate liegt damit auf dem Niveau von alternden Gesellschaften wie den großen Industrieländern Japan und Italien.

"In städtischen Gebieten dämpfen die hohen Kosten für Wohnraum, Gesundheit und Ausbildung die Begeisterung junger Paare, Kinder zu bekommen", stellte das Wirtschaftsmagazin "Caixin" fest. So dürfte der zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ein unumkehrbarer Bevölkerungsrückgang bevorstehen - ohne dass die privaten Haushalte dort so große Vermögen anhäufen konnten wie die in westlichen Industrienationen.

Die Vereinten Nationen sagen voraus, dass die Zahl der Menschen auf dem chinesischen Festland 2030 ihren Höchststand erreichen wird, bevor sie zurückgeht.

Der Abwärtsdruck auf die Bevölkerungsentwicklung werde sich "weiter verstärken", sagte der Direktor des Statistikamtes, Ning Jizhe. Seine Behörde, die die Veröffentlichung der Volkszählung wiederholt verschoben hatte, wies Berichte zurück, dass die Bevölkerung 2020 bereits zurückgegangen sei. Doch erwarten Experten "in diesem oder nächsten Jahr" einen Rückgang, wie die Zeitung "Global Times" berichtete.

Aufhebung der Ein-Kind-Politik hat wenig gebracht

Damit wächst der Druck auf Peking, Maßnahmen zu ergreifen, um Paare zu ermutigen, mehr Kinder zu bekommen. 2016 hatte China die jahrzehntelange Ein-Kind-Politik abgeschafft - in der Hoffnung, die Zahl der Babys zu erhöhen. Seither wird offiziell eine Zwei-Kind-Politik vertreten. Damals wurde auch das Ziel gesetzt, die Bevölkerung bis 2020 auf etwa 1,42 Milliarden zu erhöhen - was nun verfehlt wurde.

Chinas jahrzehntelange Familienplanung hat das Fruchtbarkeitskonzept der Chinesen verändert. Die Menschen hätten sich daran gewöhnt, nur ein Kind zu haben, ist häufig zu hören.

Schrumpft die Bevölkerung schon längst?

Unabhängige Experten haben ernste Zweifel, ob die amtlichen Volkszählungsdaten überhaupt die Realität widerspiegeln. So ist der Familienplanungsexperte Yi Fuxian von der Universität von Wisconsin anhand seiner Berechnungen überzeugt, dass Chinas Bevölkerung längst schrumpft. "Ich denke, es begann 2018", sagte der Professor der Nachrichtenagentur dpa. Aus seiner Sicht wurde China als bevölkerungsreichstes Land auch längst von Indien abgelöst, das 1,3 Milliarden Menschen zählt. "Die wahre Bevölkerungszahl hat 2020 höchstwahrscheinlich die 1,28 Milliarden nicht überschritten - weit weniger als die offiziell genannten 1,4 Milliarden", sagte Yi Fuxian. Die Statistik sei stark nach oben manipuliert worden.

"Das Problem ist sehr ernst", sagte der Experte. "Es bedeutet, dass Chinas Wirtschaft, Gesellschaft, Bildung und Verteidigung auf falschen Bevölkerungsdaten basiert." Er zählt mehrere Widersprüche auf: So seien im Jahr 2000 beispielsweise 17,8 Millionen Geburten gezählt worden, doch habe es 14 Jahre später nur 13,7 Millionen 14-Jährige gegeben. Aus seiner Erfahrung wird die Zahl der Geburten in der Statistik ständig zu hoch angegeben. "Früher war es um 20 bis 30 Prozent, aber heute um 40 bis 50 Prozent."

Mehr Menschen gemeldet als tatsächlich existieren

Verzerrungen kann es auch geben, wenn die Volkszählung mit früheren Statistiken und dem Wohnortmeldesystem (Hukou) abgeglichen werden. So sind in China mehr Menschen gemeldet als wirklich existieren. Experten beklagen korrupte Geschäfte, indem Hukou-Anmeldungen mehrfach an eine Person vergeben werden. Ein Grund: Mancherorts ist der Kauf einer Wohnung auf eine Anmeldung limitiert.

Verschuldete Kommunen melden wohl auch gerne inflationierte Bevölkerungszahlen an höhere Stellen, um mehr Finanzausgleich für Bildung, Gesundheit, Armutsbekämpfung oder Infrastruktur zu bekommen.

Experten warnen, dass der Rückgang der Bevölkerung und die "beispiellose" Überalterung den Konsum auf dem Milliardenmarkt und das Wachstum bremsen wird. Auch der boomende Außenhandel werde leiden. "Ein langsameres Wachstum würde es schwieriger machen, die Vereinigten Staaten wirtschaftlich einzuholen. Und es könnte auch einen Einfluss auf Chinas globales Ansehen haben", schrieben die Analysten von Capital Economics kürzlich.

"China wird grau, bevor es reich wird"

Während sich das Tempo der Alterung in China beschleunigt, zeigt die US-Bevölkerung positive Veränderungen, wie aus einem Arbeitspapier der chinesischen Zentralbank hervorgeht. Darin werden Vorhersagen der Vereinten Nationen zitiert, wonach die US-Bevölkerung von 2019 bis 2050 um 15 Prozent wachsen könnte, die chinesische hingegen um 2,2 Prozent schrumpfen dürfte. "Bildung und technologischer Fortschritt können den Rückgang der Bevölkerung nicht kompensieren", warnte die Zentralbank.

Die neuen Zahlen werden auf jeden Fall die Debatte über eine unpopuläre Anhebung des Rentenalters anfachen. China hat weltweit eine der niedrigsten Altersgrenzen: Frauen können je nach Beruf mit 50 oder 55 Jahren in Rente gehen - Männer mit 60. Die Regelung stammt noch aus den Anfängen der Volksrepublik, als die Lebenserwartung niedrig war. Immer wieder heißt es: "China wird grau, bevor es reich wird."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. Mai 2021 um 08:00 Uhr in den Nachrichten.