Schlafstelle für Arbeiter bei Rheinmetall China. | Rheinmetall China
Weltspiegel

Lockdown in China Essen, waschen, schlafen in der Fabrik

Stand: 29.05.2022 07:44 Uhr

In Shanghais Firmen läuft die Produktion wieder - doch wer dort arbeitet, darf das Werksgelände auch nach Feierabend nicht verlassen. Tausende Mitarbeiter übernachten nun am Arbeitsplatz - seit Wochen und bis auf weiteres.

Von Tamara Anthony, ARD-Studio Peking

Etwas Pappe und darauf ein Schlafsack: Li Ge hat zwischen zwei Laufbändern einen Platz zum Schlafen gefunden. Seinen echten Namen will er nicht nennen. Er arbeitet beim Apple-Zulieferer Quanta Computer Inc. in Shanghai - und braucht das Geld. Aber seit in der Metropole Covid ausgebrochen ist, darf er das Gelände am Feierabend nicht mehr verlassen. Arbeiten, essen, waschen, schlafen, alles in der Fabrik. Zusammen mit etwa zweitausend anderen Mitarbeitern. Schon seit mehr als vier Wochen.

Tamara Anthony ARD-Studio Peking

Nachdem in Shanghais Fabriken zunächst alle Laufbänder still standen, beginnt seit einigen Wochen die Produktion wieder anzurollen. Immer mehr Firmen bekommen von der Regierung eine Ausnahmegenehmigung und dürfen wieder mit der Arbeit beginnen. Die Bedingung allerdings: Wer einmal auf dem Werksgelände ist, darf es nicht mehr verlassen. Alle Mitarbeiter sind in einem sogenannten closed loop, in einer Blase, eingesperrt.

Zwei Drittel ausländische Firmen

Shanghai ist das Wirtschaftszentrum von China, das Bruttoinlandsprodukt der Metropole entspricht etwa dem von Belgien. Wenn hier nicht produziert wird, sind die Auswirkungen weltweit zu spüren. "Die meisten der etwa 4000 Firmen, die wieder arbeiten dürfen, haben Schlüsselfunktionen oder sind unverzichtbare Zulieferer in Branchen wie Automobil, Maschinenbau, Chemie oder Pharma", sagt Bettina Schön-Behanzin, Vizepräsidentin der Europäischen Handelskammer in China. Doch die meisten Firmen, ergänzt sie, können weiterhin nur mit ca 30- bis 50-prozentiger Kapizität arbeiten.

Etwa ein Drittel der Unternehmen, in denen die Mitarbeiter nun gefangen sind, sind ausländische Firmen. "Nach unseren Informationen ist derzeit ein Austausch von Personal nicht möglich", erzählt Bettina Schön-Behanzin, die selbst seit über zehn Wochen in Shanghai in ihrer Wohnung eingesperrt ist. "Einmal in der Fabrik, ist man in der Fabrik. Nur im Krankheitsfall dürfen die Leute dann das Werksgelände verlassen. Sie können sich vorstellen, dass das natürlich auch ein enormer mentaler Druck ist."

Schlafstelle für Arbeiter bei Rheinmetall China. | Rheinmetall China

Auf dem Werksgelände von Rheinmetall China sind provisorische Schlafstätten für die Mitarbeiter entstanden. Bild: Rheinmetall China

"Leute müssen nicht kommen"

Werkshallen wurden zu Schlafsälen umfunktioniert. Teilweise entstanden riesige Zeltlager. Die Unternehmen organisierten Waschräume, Seife, Zahnpaste - während in Shanghai fast kein Auto fahren darf und alle Geschäfte geschlossen sind. "Es fand sozusagen ein Wettbewerb statt, wer am meisten und schnellsten Schlafsäcke und Bettzeug kaufen kann", meint Peter Willemsen, Präsident von Rheinmetall China.

Der chinesische Ableger von Rheinmetall produziert Autoteile. Ihre Werke sind über das Land verstreut. In Shanghai arbeiten derzeit nur etwa 30 Personen in der "Blase". In Fabriken in anderen Provinzen waren bei Covid-Ausbrüchen etwa 700 Mitarbeiter auf dem Firmengelände eingesperrt.

"Wir fragen die die Leute, ob sie kommen wollen oder nicht. Sie müssen nicht kommen", sagt Peter Willemsen, Präsident von Rheinmetall China. "Es gibt einige Leute die sagen: Das kann ich nicht, weil ich zu Hause Familie habe, um die ich mich kümmern muss. Das ist dann auch okay und führt nicht zu einer Kündigung."

Arbeiter von Rheinmetall China werden auf das Coronavirus getestet. | Rheinmetall China

Antreten zum Test: Arbeiter werden auf eine etwaige Coronavirus-Infektion getestet. Bild: Rheinmetall China

Handgemenge bei Quanta Computer Inc.

Allerdings ist bei Fabrikarbeitern mit einfachen Tätigkeiten das Grundgehalt oftmals sehr niedrig in China. Überstunden und sonstige Zuschläge machen den Lohn erst attraktiv. Doch insgesamt, meint Willemsen von Rheinmetall China, sei ausschlaggebend, dass die Arbeiter sich als elementarer Teil des Unternehmens fühlen: "Sie kommen, weil sie sagen: Das ist wichtig, damit wir auch weiterhin profitabel sind und eine gute Zukunft haben".

Auch Volkswagen, Beiersdorf, Henkel, Siemens Healthineers, Bosch und weitere deutsche Firmen haben ihre Arbeiter nun in der Fabrik eingeschlossen, um wieder zu produzieren. Ein Interview aber lehnten alle ab.

Beim Apple-Zulieferer Quanta Computer Inc., bei dem Li Ge arbeitet, haben die Arbeiter schließlich den Aufstand geprobt. Nach fünf Wochen wollten viele junge Leute das Fabrikgelände verlassen - durften aber nicht. Es kam zu Tumulten und Handgreiflichkeiten. Inzwischen durften einige nach Hause gehen. Die anderen Fließband-Arbeiter bekommen den dreifachen Lohn. Auf eine Interviewanfrage reagierte das Unternehmen nicht.

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Über dieses Thema berichtete das Erste am 29. Mai 2022 um 18:30 Uhr im "Weltspiegel".