Eine Frau seht in Beirut vor der Ruine der Silos, die am 4.8.2020 explodierten. | REUTERS

Beirut nach der Explosion Erst Staatsversagen, dann psychische Not

Stand: 04.08.2021 16:20 Uhr

Die Explosion in Beirut vor einem Jahr war für viele Menschen traumatisch. Und die Traumata halten an, auch weil viele Probleme in der Stadt ungelöst sind. Die Therapieplätze reichen bei Weitem nicht aus.

Björn Blaschke ARD-Studio Kairo

Sarah-Maria Assi ist mal wieder zu Hause. Die 15-Jährige kam mit ihren Eltern: Sie wollen das Appartement putzen, in dem sie bis zum 4. August 2020 gewohnt hatten. Es ist stark beschädigt - eine Folge der Explosion im Hafen von Beirut. Die Familie mietete deshalb für eine nun schon zwölf Monate dauernde Übergangszeit eine andere, kleine Unterkunft. Über die Ereignisse von vor einem Jahr sprechen Sarah-Maria und ihre Eltern selten.

Sie wolle das nicht, sagt Sarah-Maria, sie wolle die Ereignisse in der Vergangenheit lassen. Denn wenn sie sich wieder für das öffne, was an jenem Tag geschah, bekomme sie Albträume und könne nicht schlafen.

Nabil Assi steht in seiner Wohnung vor eingepackten Kartons. | ARD-Studio Kairo

Ein Jahr nach der Explosion wird die Wohnung der Familie von Nabil Assi noch instandgesetzt. Bild: ARD-Studio Kairo

Wie Sarah-Maria konnten - oder wollten - viele Menschen lange nicht über die Explosion sprechen. Insbesondere Kinder verfallen zum Teil in totales Schweigen. Diese Reaktion beobachtet die Psychologin Yara Chamoun häufig. Sie bezeichnet das als "Vermeidung" - typisch für ein posttraumatisches Belastungssyndrom. Jeder, der darunter leide, vermeide, über das traumatische Thema zu sprechen.

Steigende Nachfrage nach Therapien

Chamoun arbeitet für die libanesische Nichtregierungsorganisation EMBRACE, die vor mehreren Jahren gegründet wurde. Nach der Explosion im Hafen von Beirut vor einem Jahr reagierten Chamoun und andere Freiwillige sofort und bildeten Teams. Seither bietet die Organisation Therapien in Gruppen oder auch in Einzelsitzungen an. Tendenz: steigend.

Die Listen seien so voll, berichtet er, dass Neuzugänge zwei Monate auf einen Termin warten müssen. Es seien immer mehr, die die kostenlosen Behandlung nutzen wollten - kein Wunder angesichts der Last, die die Menschen in Beirut tragen müssten. Und so sei es fast unmöglich, allen zu helfen, so sehr man das auch wolle.

Es mangelt an allem

Korruption und politischer Filz haben im Libanon zu einer Finanz- und Wirtschaftskrise geführt. Corona und die Explosion haben die Krise verstärkt. Heute bekommen die Haushalte nur noch für wenige Stunden am Tag Strom, Medikamente - wie Anti-Depressiva - sind Mangelware, ebenso Benzin und Diesel.

An manchen Tankstellen ist es bereitszu Handgreiflichkeiten gekommen. Tankwart Abdel Salam sieht eine Zunahme der Aggressionen. Vor allem ältere Menschen würden schnell nervös, sie könnten das alles nicht mehr ertragen. Früher habe es nicht so viele Probleme gegeben.

Maguy Assi | ARD-Studio Kairo

Kann die Rückkehr in die alte Wohnung wieder Stabilität geben? Maguy hofft auf diesen Effekt für ihre Tochter Sarah-Maria. Bild: ARD-Studio Kairo

Jeder ist gefährdet

Die Explosion, die anhaltende wirtschaftliche Instabilität und die Jahrzehnte alte Korruption der Politiker - einzeln oder zusammengenommen können all diese Dinge Auslöser für Aggressionen sein. Und für psychische Erkrankungen, sagt Psychologin Chamoun. Mentale Erkrankungen hingen ja nicht unbedingt mit einem Ereignis zusammen. Vielmehr beruhten sie normalerweise auf mehreren Faktoren, die dann zusammen zu sozialem Stress würden. "Und der ist mittlerweile so groß, dass hier jede und jeder in Gefahr ist, eine psychische Krankheit zu entwickeln - etwa Depressionen oder Angstzustände."

Psychologische Beratung und Therapien könnten helfen, sagt die Psychologin. Aber wenn sie an den Niedergang des Libanon denkt, wirkt sie gleichzeitig etwas ratlos. Die Anspannung sei groß - "alle sind an ihre Grenzen gestoßen, müde". Manchmal mache es der Umstand einfacher, dass man das teilen kann. "Aber manchmal kann nichts es einfacher machen."

Sarah-Maria und ihre Eltern wollen spätestens Ende des Jahres wieder in ihre Wohnung ziehen. Die Sanierung kostet sie rund 15.000 Dollar. Das aber, so Sarah-Marias Mutter Maguy, sei es der Familie wert. Es sei ihr Elternhaus. Hier sei sie geboren worden, hier habe sie geheiratet, hier habe sie ihre Kinder aufgezogen. Und ihrer Tochter will sie hier, in den eigenen vier Wänden, Geborgenheit geben. Maguy hofft, dass in ihrer Wohnung Sarah-Marias Albträume endgültig verfliegen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 04. August 2021 um 16:00 Uhr.