Menschen in Jerewan trauern um die Gefallenen im Krieg mit Aserbaidschan | AFP

Jahrzehntelanger Konflikt Wieder Kämpfe zwischen Aserbaidschan und Armenien

Stand: 13.09.2022 15:03 Uhr

Aserbaidschan und Armenien sind seit Jahrzehnten verfeindet, meist ging es bei ihrem Konflikt um das Gebiet Bergkarabach. Nun sind wieder Kämpfe ausgebrochen - diesmal im Grenzgebiet. Armenien meldet 49 tote Soldaten.

Im jahrzehntelangen Konflikt um das Gebiet Bergkarabach sind zwischen Aserbaidschan und Armenien wieder Kämpfe ausgebrochen. Nach Angaben des armenischen Regierungschefs Nikol Paschinjan wurden mindestens 49 armenische Soldaten getötet. Beide Konfliktparteien hatten in der Nacht schwere Kämpfe im Grenzgebiet zwischen Armenien und Aserbaidschan gemeldet. Am Vormittag gelang es aserbaidschanischen Medien zufolge beiden Seiten, sich auf eine Feuerpause zu verständigen. Doch nur kurz nach Inkrafttreten sei gegen die Vereinbarung wieder verstoßen worden.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Dem Verteidigungsministerium in Eriwan zufolge versuchten aserbaidschanische Truppen, auf armenisches Gebiet vorzustoßen. Die aserbaidschanische Armee habe Artillerie und Drohnen gegen militärische und zivile Ziele nahe der Grenze eingesetzt. Aserbaidschan warf Armenien hingegen "großangelegte subversive Handlungen" in Grenznähe und Beschuss seiner Militärstellungen vor.

Paschinjan forderte nach Angaben seines Büros in Telefonaten mit US-Außenminister Antony Blinken, Russlands Staatschef Wladimir Putin und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eine "angemessene Reaktion der internationalen Gemeinschaft" auf das Vorgehen Aserbaidschans. In einem Telefongespräch hätten Armeniens Verteidigungsminister Suren Papikjan und der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu beschlossen, die "notwendigen Maßnahmen zur Stabilisierung der Lage" zu ergreifen, erklärte die Regierung in Eriwan.

Die türkische Regierung - die mit Aserbaidschan verbündet ist - rief wiederum Armenien auf, seine "Provokationen" einzustellen und "sich auf Friedensverhandlungen und Zusammenarbeit" mit Baku zu konzentrieren.

Angriffe diesmal nicht in Bergkarabach

Die Ex-Sowjetrepubliken bekriegen einander seit Jahrzehnten wegen des Gebiets Bergkarabach. Allerdings wurde nach armenischen Angaben diesmal nicht die Exklave angegriffen, die Attacken trafen Stellungen bei den Städten Goris, Sotk und Dschermuk auf dem Gebiet Armeniens.

EU und OSZE wollen weiter vermitteln

EU-Ratschef Charles Michel rief zu einer diplomatischen Lösung des Konflikts auf. Es brauche einen vollständigen und dauerhaften Waffenstillstand, schrieb er auf Twitter. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell teilte mit, dass Michel Kontakt zu den Staats- und Regierungschefs der beiden Länder aufnehme. Auch er rief zu einer Rückkehr an den Verhandlungstisch auf. Die EU sei entschlossen, weiter zu vermitteln. Der EU-Sonderbeauftragte Toivo Klaar werde unverzüglich in beide Länder reisen.

Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) forderte das sofortige Ende der militärischen Eskalation. Polen als derzeitiges Vorsitzland der OSZE stehe weiter bereit, an einer dauerhaften Lösung zwischen den Konfliktparteien mitzuwirken, schrieb das polnische Außenministerium auf Twitter.

Russland bemüht sich um Waffenruhe

Russland, das vor zwei Jahren einen Waffenstillstand zwischen den Konfliktparteien vermittelt hatte, bemühte sich auch diesmal um eine Waffenruhe. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte, Präsident Wladimir Putin unternehme "jede Anstrengung, um zu helfen, die Spannungen zu deeskalieren". Das russische Außenministerium rief beide Seiten dazu auf, "von weiterer Eskalation abzusehen und Zurückhaltung zu zeigen".

Auswärtiges Amt warnt

Das Auswärtige Amt mahnte unterdessen Deutsche in der Region zur Vorsicht, eine Ausweitung der Kämpfe sei nicht ausgeschlossen. Wer in einem von Kampfhandlungen betroffenen Gebiet sei, solle sich an einen geschützten Ort begeben und dort warten, bis man ihn sicher verlassen könne. Gerade Dschermuk ist bei ausländischen Touristen beliebt, dort befindet sich ein bekanntes Mineralbad.

Das umstrittene Bergkarabach gehört zu Aserbaidschan, wird aber von Armeniern bewohnt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sicherten sich armenische Kräfte in einem Krieg von 1992 bis 1994 die Kontrolle über das Gebiet und besetzten weite Teile Aserbaidschans. 2020 gewann Aserbaidschan seine Gebiete zurück und eroberte strategisch wichtige Stellen in Bergkarabach. Den nach vier Monaten vereinbarten Waffenstillstand überwacht Russland, die Schutzmacht der christlichen Armenier. Auch die EU unternahm seitdem viele Anstrengungen, den Konflikt zu lösen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 13. September 2022 um 06:00 Uhr.