US-Soldaten stehen im März 2003 in der Nähe des brennenden Ölfelds Rumaila (Irak) | picture-alliance / dpa

Folgen des 11. September 2001 Bushs fataler Irak-Krieg

Stand: 10.09.2021 12:23 Uhr

Die 9/11-Anschläge wirkten sich auch auf die arabische Welt aus: 2003 griffen die USA unter unbewiesenen Vorwürfen den Irak an - ein Krieg, der die gesamte Region nachhaltig veränderte. Die Folgen sind bis heute spürbar.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Neun Tage nach den Anschlägen vom 11. September hält US-Präsident George W. Bush eine Rede vor dem US-Kongress: "Unser Krieg gegen den Terror beginnt mit Al-Kaida, aber er endet nicht dort." Der US-Präsident erklärt Al-Kaida den Krieg – und, ganz allgemein, auch den Staaten, die Terroristen unterstützen: "Wir werden die Nationen verfolgen, die dem Terrorismus Hilfe zur Verfügung stellen oder ihm einen sicheren Hafen bieten. Jede Nation in jeder Region muss jetzt eine Entscheidung treffen: Entweder ihr steht an unserer Seite oder an der Seite der Terroristen."

Björn Blaschke ARD-Studio Kairo

Bushs Forderung dürfte einige Staatsführer im Nahen Osten etwas nervös gemacht haben. Denn in manchen arabischen Ländern leben zu diesem Zeitpunkt - mehr oder weniger unbehelligt - Mitglieder militanter Islamistengruppen.

In seiner Rede zur Lage der Nation im Januar 2002, nachdem die USA bereits ihren Krieg gegen die Taliban und Al-Kaida in Afghanistan begonnen haben, wird Bush genauer: Er wirft dem irakischen Diktator Saddam Hussein vor, Massenvernichtungswaffen zu produzieren und terroristische Organisationen zu unterstützen: "Der Irak setzt seine Feindlichkeit gegen die USA fort, indem er den Terrorismus unterstützt. Das irakische Regime hat sich mehr als zehn Jahre lang verschworen (gegen uns) und produziert Anthrax und Nervengas und Nuklearwaffen."

Nordkorea, Iran und der Irak seien dazu bereit, Terroristen mit ihren Waffen auszustatten, damit die noch schlimmere Anschläge verüben als die am 11. September 2001. Deshalb bildeten sie eine 'Achse des Bösen'".

Am 20. September 2001 spricht US-Präsident Bush vor dem Kongress und droht allen Staaten, die den Terrorismus unterstützen | picture-alliance / dpa

Eine Rede, die den Ton nicht nur für den Angriff auf Afghanistan setzte: die Bush-Ansprache vor dem US-Kongress vom 20. September 2001. Bild: picture-alliance / dpa

Vorwürfe ohne Beweise

Obwohl Al-Kaida damals keine Basis in dem Teil des Irak hat, den Saddam Hussein kontrolliert, wird eine mögliche Kooperation zwischen den Terroristen und Saddam Husseins Regime zu dem Leitgedanken der US-Außenpolitik. Zwar hängen Saddam Hussein und Al-Kaida unterschiedlichen Ideologien an, aber der Hass auf die USA würde sie einen. Bushs Außenminister Colin Powell vertritt das im Februar 2003 auch vor dem UN-Sicherheitsrat. "Ihre Ambitionen und der Hass reichen, um Al-Kaida und den Irak zusammenzubringen."

Wenige Tage später starten die USA den Krieg gegen den Irak, die "Operation Iraqi Freedom" beginnt. Nach dem Ende der Kampfhandlungen und der Entmachtung von Saddam Hussein finden Waffenexperten im Irak keine Massenvernichtungswaffen. Bush jedoch bleibt bei seiner Haltung, er behauptet, aus gutem Grund und richtig gehandelt zu haben; es habe eine Beziehung zwischen Saddam Hussein und Al-Kaida gegeben: "Der Grund dafür, dass ich darauf bestehe, dass es eine Beziehung zwischen dem Irak, Saddam und Al-Kaida gab, ist, dass es eine Beziehung zwischen dem Irak und Al-Kaida gab."

George W. Bush spricht am 1. Mai 2003 auf dem Flugzeugträger "USS Abraham Lincoln" zu US-Soldaten. | picture alliance / ASSOCIATED PR

Im Mai 2003 erklärte Bush auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln die Kampfhandlungen im Irak für beendet. Auch hier lag er auf fatale Weise falsch. Bild: picture alliance / ASSOCIATED PR

Nach dem Krieg kommt Al-Kaida

Grundsätzlich gewinnen Lügen durch ständige Wiederholung nicht an Wahrheit. Al-Kaida jedenfalls wird erst nach dem Fall Husseins im Irak aktiv - unter der Leitung von Abu Musab al Zarkawi, einem Weggefährten von Osama bin Laden. Die Terroristen entführen Ausländer wie Iraker. Sie verüben Selbstmordattentate und andere Anschläge und provozieren im Land 2006 einen Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten.

Die USA versuchen, gegen die Terroristen vorzugehen, töten Zarkawi 2006 und internieren Hunderte, vielleicht Tausende mutmaßliche Al-Kaida-Leute. Dadurch wird der irakische Zweig der Organisation geschwächt, aber nicht vernichtet: In einem der Lager landet zeitweilig auch Abu Bakr al Baghdadi, wird dort noch radikaler und 2010 Chef von Al-Kaida im Irak. Später bricht er mit der Organisation und ruft 2014 den "Islamischen Staat" (IS) aus.

Der ägyptische Politikwissenschaftler Mustapha Kamel al Sayyid sagt heute, der IS sei in irakischen Gefängnissen geboren worden - unter US-Besatzung.

Das berüchtigte Gefängnis Abu Ghraib im Irak | picture-alliance/ dpa

Das berüchtigte Gefängnis Abu Ghraib im Irak - hier folterten US-Soldaten Gefangene. Bild: picture-alliance/ dpa

Der Siegeszug des IS

Vom Irak aus trat der IS seinen tragischen Siegeszug an: in Syrien, in Ägypten, in Libyen, im Jemen und darüber hinaus in einigen Ländern mehr, auch in Pakistan und Afghanistan. Befeuert wurde dieser Aufstieg - und auch der anderer militanter Gruppen - noch einmal dadurch, dass mit dem Fall Saddam Husseins der Iran über seine Geheimdienste, Milizionäre und über schiitische Bevölkerungsgruppen erst im Irak und dann auch in anderen arabischen Staaten mehr und mehr Einfluss zu nehmen begann.

Der iranische Einfluss - das ist Wasser auf die Mühlen des IS: Schiiten gelten militanten Sunniten, und zu denen gehören die Terroristen des IS, als Ketzer, die zu töten seien. Den arabischen Regimen hat das Erstarken militanter Islamisten gleichzeitig ein Argument dafür gegeben, ihre Sicherheitsapparate auszubauen und restriktiver mit politisch unliebsamen Kräften umzugehen - mit Islamisten, aber auch mit allen anderen.

"Arabischer Frühling" - nur ein kurzes Aufblühen

Das wurde vor allem ab 2011 wichtig: Parallel zum Erstarken militanter Islamisten-Gruppen begann der immer noch so genannte Arabische Frühling: Millionen Menschen in der Region forderten einen Wandel. Zeitweilig wirkte es 2011 so, als brächen die Diktaturen der Region zusammen.

Ein Trugschluss. Tatsächlich erleben die Menschen heute, zehn Jahre später - und 20 Jahre nach 9/11 - eine Restaurationsphase, ein Erstarken der Militärs. Und die wiederum gründen vielerorts ihre Macht darauf, dass sie mit ihren Sicherheitsapparaten gegen Oppositionelle vorgehen - gegen Islamisten und gegen alle anderen.