Ermittler am Ort der Explosion in Moskau | AP

Anschlag in Moskau Mehr Fragen als Antworten

Stand: 22.08.2022 13:52 Uhr

Am Tag nach dem mutmaßlichen Autobombenanschlag in Moskau wird über mögliche Täter spekuliert. Der im Exil lebende Putin-Gegner Ponomarjow macht Partisanen verantwortlich, andere warnen vor voreiligen Schlüssen.

Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Es ist ein Video, das mehr Fragen aufwirft, als es Antworten liefert. Zu sehen ist eine weiß-blau-weiße Flagge, die in einigen Oppositionellenkreisen als Symbol eines "befreiten Russland" gilt. Davor sitzt Ilja Ponomarjow, Ex-Duma-Abgeordneter und Putin-Gegner, der seit Jahren im Exil lebt.

Martha Wilczynski ARD-Studio Moskau

"Dugin war das Gehirn, Darja die Hand"

Der 47-Jährige erklärt, dass eine Partisanengruppe für den Anschlag an Darja Dugina verantwortlich sei und sie eigentlich auch ihren Vater, den rechtsnationalistischen Ideologen Alexander Dugin habe treffen wollen: "Weil Dugin das Gehirn war, Darja war die Hand. Es gab eine Menge Wut auf Darja Dugina selbst", so Ponomarjow.

Das liege daran, dass Dugina in Azowstal gewesen sei. Viele hielten sie auch verantwortlich für den Gefängnisangriff in der Siedlung Oleniwka, so Ponomarjow. "Es gibt hier ein Element der Rache. Dugin ist der Ideologe des Faschismus. Er ist die Person, die den Begriff 'Neurussland' allgemein in das russische politische Lexikon eingeführt hat", so Ponomarjow weiter.

Es folgt ein Manifest einer Gruppe, die Ponomarjow als "Nationale Republikanische Armee" vorstellt. Darin wird den politischen Eliten, die für den Militäreinsatz in der Ukraine verantwortlich seien, der Kampf angesagt. Doch ist nicht nur Poromarjow wegen seiner politischen Vergangenheit höchst umstritten, auch hat man zuvor noch nie etwas von der genannten "Nationalen Republikanischen Armee" gehört. Experten vermuten, dass es sich genauso gut um die Aktion eines Trittbrettfahrers handeln könnte.

Anschlag als "heiliges Opfer" bezeichnet

Die Journalistin und Politikexpertin Julija Latynina sagt auf ihrem YouTube-Kanal: "Ich möchte dringend bitten, keine voreiligen Schlussfolgerungen darüber zu ziehen, wer genau die Tochter von Alexander Dugin getötet hat." Sie wolle darauf aufmerksam machen, dass in kremlfreundlichen Kanälen auf Telegram der Mord unmittelbar danach als "heiliges Opfer" bezeichnet wurde. "Das sollte einen 'Autoimmunprozess' auslösen, also die totalen Säuberungen von Verrätern und der 'fünften Kolonne' innerhalb Russlands."

Die vor allem über soziale Netzwerke verbreiteten Spekulationen reichen von einer möglichen Geheimdienstaktion bis hin zu Mutmaßungen darüber, dass Dugin seine Tochter selbst geopfert haben könnte, um endlich den umfassenden Krieg gegen die Ukraine zu provozieren, den er immer hätte haben wollen.

Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die die Ukraine für die Tat verantwortlich machen. Sollten sich derartige Vorwürfe bestätigen, so die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, dann müsse mit Blick auf die Kiewer Politik in Zukunft von "Staatsterrorismus" gesprochen werden. Man warte auf die Ergebnisse der Untersuchungen.

Sprengsatz wohl ferngezündet

Die laufen weiter. Inzwischen gab das Ermittlungskomitee bekannt, dass der Sprengsatz wohl ferngezündet wurde. Mit Hinweisen auf mögliche Täter halten sich auch die Ermittler zurück. Kiew hatte bereits am Sonntag jegliche Verantwortung von sich gewiesen.

Doch auch, wenn vieles noch ungeklärt ist und wohl auch vorerst bleibt, werde der Fall Russland verändern - davon ist Politikexpertin Julija Latynina überzeugt. "Das alles muss irgendwie vom Kreml beantwortet werden. Und das Problem ist offenbar, dass Putin aus militärischer Sicht nichts zu antworten hat. Also wird er im Inneren antworten. Er wird dort antworten, wo es für ihn einfacher ist", so Latynina. "Noch einmal: Ich würde auf keinen Fall voreilig Täter dieses Mordes nennen. In der gegenwärtig aufgeheizten Atmosphäre des Hasses ist alles möglich."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. August 2022 um 14:00 Uhr.