Ein Zeitungsverkäufer verteilt eine Sonderausgabe an Passanten, die über den Anschlag auf den Ex-Regierungschef Shinzo Abe berichtet. | AP

Japans Ex-Ministerpräsident Shinzo Abe bei Anschlag schwer verletzt

Stand: 08.07.2022 10:48 Uhr

Auf Japans Ex-Regierungschef Abe ist bei einem Wahlkampfauftritt geschossen geworden. Er soll von zwei Kugeln getroffen worden sein und befindet sich in kritischem Zustand. Der mutmaßliche Täter wurde festgenommen.

Auf den früheren rechtskonservativen japanischen Regierungschef Shinzo Abe ist ein Anschlag verübt worden. Das teilte ein Sprecher der japanischen Regierung mit.

"Auf den früheren Regierungschef Abe wurde gegen 11.30 Uhr in Nara geschossen", sagte Regierungssprecher Hirokazu Matsuno vor Journalisten. Zuvor hatten bereits mehrere Medien über den Angriff während einer Wahlkampfrede Abes berichtet. Demnach soll der mutmaßliche Täter am helllichten Tag von hinten auf den 67-Jährigen geschossen haben.

Polizisten in blauen Schutzanzügen sichern Spuren auf einer Straße in Nara - dem Ort, an dem ein Anschlag auf den früheren Premier Abe verübt wurde. | dpa

Die Polizei sichert nach dem Anschlag Spuren. Der mutmaßliche Schütze wurde festgenommen. Bild: dpa

Zustand des 67-Jährigen kritisch

Über Abes Zustand gab es nach dem Angriff keine konkreten Angaben seitens der Regierung.

Der öffentlich-rechtliche Sender NHK gab an, Abe sei nach dem Angriff bewusstlos gewesen. Er habe am Hals geblutet und soll demnach keine Vitalfunktionen mehr gezeigt haben. Der 67-Jährige sei von zwei Kugeln getroffen worden - am Hals und in der Brust. Die japanische Nachrichtenagentur Kyodo berichtete ebenfalls, Abe sei durch eine Kugel am Hals verletzt worden.

Wie ARD-Korrespondent Ulrich Mendgen berichtete, schoss der mutmaßliche Täter offenbar von hinten zweimal auf den früheren Regierungschef. Abe sei schwer verletzt auf den Boden gefallen und anschließend mit einem Helikopter in eine Klinik gebracht worden. Seitdem würden mehrere Medien übereinstimmend über einen Herzstillstand des Ex-Ministerpräsidenten berichten.

Akie Abe, die Ehefrau des bei einem Anschlag im Juli 2022 schwer verletzten Ex-Ministerpräsidenten Shinzo Abe, kommt am Nara Medical University-Krankenhaus in Kashihara an. | AFP

Abes Ehefrau, Akie Abe, wird in das Krankenhaus in Kashihara geleitet, in dem ihr schwer verletzter Mann behandelt wird. Bild: AFP

Täter gehörte früher wohl Militär an

Der mutmaßliche Schütze wurde Regierungsangaben zufolge festgenommen.

Bei dem Verdächtigen soll es laut ARD-Korrespondent Mendgen um einen 41 Jahre alten Mann handeln, der vor Jahren Mitglied der japanischen Streitkräfte gewesen sei. Das sei ein Hinweis darauf, dass sich der Verdächtige im Umgang mit Waffen ausgekannt habe, so Mendgen weiter. Um welche Art von Waffe es sich handele, sei noch unklar. Im japanischen Fernsehen werde ein "mit Klebeband umwickelter Gegenstand" gezeigt. Die Waffe könne also manipuliert oder gar selbst gebaut gewesen sein.

Das mögliche Motiv des Schützen sei noch recht unklar, sagte Mendgen weiter. Bei seiner Festnahme habe er angeben, er sei "unzufrieden" mit Abe gewesen und habe ihn "gezielt töten wollen".

Abe habe Japan zwar am längsten als Regierungschef vorgestanden und sei damit wohl auch der bekannteste Ministerpräsident, so Mendgen, aber inzwischen sei er bereits seit etwa zwei Jahren nicht mehr im Amt. Trotzdem sei Abe als eine Art "graue Eminenz" der Liberaldemokratischen Partei (LDP) noch ein mächtiger Mann in Japan. Schwere Verletzungen oder gar der Tod Abes würden den politischen Betrieb des Landes vorübergehend lahmlegen, schätzt Mendgen - und das kurz vor den Wahlen zum Oberhaus am Wochenende.

Krisenstab eingerichtet

Der amtierende Regierungschef Fumio Kishida unterbrach seinen Wahlkampf, nachdem er über den Anschlag auf Abe informiert wurde. Medien zufolge machte er sich von der nördlichen Präfektur Yamagata sofort auf den Weg zurück zum Regierungssitz in Tokio. Die Regierung hat demnach bereits einen Krisenstab eingerichtet. Laut Kabinettssekretär Matsuno befinden sich auch alle anderen Kabinettsmitglieder auf den Rückweg in die Hauptstadt.

Kishida gab an, Abe befinde sich in einem ernsten Zustand. Er bete dafür, dass Abe diese "Tortur" überlebe, so der amtierende Regierungschef. Der Angriff auf seinen Amtsvorgänger sei "unverzeihlich" und "auf das Schärfste zu verurteilen".

Japans Verteidigungsminister, Nobuo Kishi, der auch Abes Bruder ist, prangerte das Attentat als "Sakrileg gegen die Demokratie" an. Man habe ihm mitgeteilt, dass Abe Bluttransfusionen erhalte und alle Anstrengungen unternommen würden, um dessen Leben zu retten.

Auch der Präsident des japanischen Parlaments sprach von einem "Angriff auf die parlamentarische Demokratie", der nicht toleriert werden könne. Ein Vertreter der Kommunistischen Partei verurteilte den Anschlag scharf: "Gewalt gegen politische Aktivitäten ist absolut inakzeptabel."

Deutlicher Rechtsruck während Abes Amtszeit

Abe hatte Japan vom Dezember 2012 bis September 2020 regiert. Unter ihm war Japan deutlich nach rechts gerückt.

Abe gehört zu den entschiedenen Verfechtern einer Revision der pazifistischen Nachkriegsverfassung. Im Artikel 9 der Verfassung verzichtet Japan "für alle Zeiten auf den Krieg als ein souveränes Recht der Nation und auf die Androhung oder Ausübung von Gewalt als Mittel zur Beilegung internationaler Streitigkeiten".

In Japan finden am Sonntag Wahlen zum Oberhaus statt. Es wird erwartet, dass die LDP einen haushohen Sieg erringen wird. Damit könnte die Debatte um einen Verfassungsänderung an Fahrt gewinnen. Das Inselreich Japan hat mit die schärfsten Waffengesetze weltweit und gilt als eines der sichersten Länder der Welt überhaupt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Juli 2022 um 06:00 Uhr.