Frauen demonstrieren in Kabul. | dpa

Frauen-Proteste in Afghanistan "Sie können uns nicht ausschließen"

Stand: 28.03.2022 11:06 Uhr

Nach und nach verlieren Frauen in Afghanistan mehr Rechte und Freiheiten. Doch nicht alle wollen die Anordnungen der Taliban einfach so hinnehmen - und machen ihrer Wut auf der Straße Luft.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Sie wollen es nicht hinnehmen: Mütter, Lehrerinnen und Schülerinnen haben sich am Wochenende in Kabul auf die Straße getraut, um für ihre Rechte zu kämpfen.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

"Die Taliban haben Angst vor Bildung. Denn wenn wir Afghaninnen gut ausgebildet sind - lesen und schreiben und uns überall informieren können - dann würden wir unsere Söhne niemals in Koranschulen zum Beispiel nach Pakistan schicken, wo sie doch nur lernen würden, Terroristen wie die Taliban selbst zu werden", sagt eine der Protestierenden. Eine andere fordert:

Die Taliban müssen die Mädchen wieder zur Schule lassen. Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus, sie können uns nicht ausschließen.

Freizeitparks sind an bestimmten Tagen tabu

Aber genau das versuchen die Taliban: Selbständige Frauen passen nicht in ihr islamistisches Weltbild. Viele Frauen haben ihre Jobs verloren, sie dürfen lange Taxifahrten nicht mehr alleine antreten.

Am Wochenende erfolgten weitere Vorschriften: Frauen dürfen nicht mehr ohne männliche Begleitung ein Flugzeug betreten. Und in Freizeitparks dürfen sie nur noch an bestimmten Tagen - diese Ausflugsziele sollen künftig nur noch getrennt von Frauen und Männern besucht werden. Das ist eine aktuelle Anweisung vom Ministerium für die "Förderung der Tugend und Verhinderung des Lasters". Dieses Ministerium hatten die Taliban nach ihrer Machtübernahme mit als erstes eingeführt und damit das Frauenministerium abgeschafft.

Kein Schulbesuch ab zwölf Jahren

Demonstrieren ohne Genehmigung, so wie die Frauen am Wochenende, dürfen sie eigentlich auch nicht. Einige sind deswegen schon festgenommen worden. Aber die "Spontane Afghanische Bewegung für Frauen" will sich davon nicht einschüchtern lassen. Julia Parsi ist Teil der Bewegung. Sie ist Lehrerin und hat zwei Töchter. In der vergangenen Woche, als die Taliban in letzter Sekunde den Schulstart für Mädchen ab zwölf Jahren verhindert hatten, sei ein Trauertag für ihre Familie gewesen: "Meine Mädchen hatten einen Tag zuvor noch ihre Schuluniformen gebügelt, liebevoll ihre Tasche mit Büchern und Stiften gepackt. All das hatten sie ja monatelang nicht machen können. Dann kam die Nachricht, dass sie nicht gehen dürfen."

Die beiden haben so bitterlich geweint, ich auch. Nicht nur wegen meiner Töchter, ich habe auch um alle Mädchen in Afghanistan geweint, die das nun miterleben müssen.

Offiziell sagen die Taliban, es gebe noch Klärungsbedarf, was die Schuluniformen der Mädchen angeht. Doch daran glauben nur wenige.

"Die Situation wird von Tag zu Tag schlechter"

Die USA haben nun erst einmal ein geplantes Treffen mit den Taliban abgesagt: Dabei sollte es um wirtschaftliche Hilfen gehen. Internationale TV-Sender, so berichtet die BBC, dürften ihre Programme nun auch nicht mehr in Afghanistan ausstrahlen. 

Die Situation im Land werde von Tag zu Tag schlechter, schreibt ein Vater bei WhatsApp. Er sei an einem Checkpoint von Taliban angehalten worden, weil seine erst elfjährige Tochter kein Kopftuch getragen habe. "Sie zeigen nun wieder ihr wahres Gesicht", schreibt er weiter. "Überall auf der Welt ist es besser als hier. Ich muss hier raus, es geht vor allem um das Leben meiner Frau und meiner Tochter." Denn in Afghanistan, so fürchtet er, hätten sie bald keines mehr.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 28. März 2022 um 12:47 Uhr.