Eine Straßensperre aus Reifen und Steinen in Afghanistan | EPA

Vormarsch in Afghanistan Taliban erobern erstmals Provinzhauptstadt

Stand: 06.08.2021 18:39 Uhr

Seit dem Abzug der NATO-Truppen rücken die Taliban weiter vor. Nachdem sie zunächst ländliche Gebiete eroberten, haben sie jetzt erstmals eine Provinzhauptstadt eingenommen. Zudem töteten sie einen Regierungssprecher.

Den radikalislamischen Taliban ist erstmals die Einnahme einer Provinzhauptstadt in Afghanistan gelungen. Nach Angaben der Vize-Gouverneurin der Provinz Nimrus, Roh Gul Chairsad, eroberten die Islamisten die im Südwesten Afghanistans gelegene Stadt Sarandsch.

"Die Taliban haben die Kontrolle über den Gouverneurssitz sowie die Hauptquartiere der Polizei und der Gefängnisverwaltung übernommen", sagte Chairsad der Nachrichtenagentur AFP. Ein afghanischer Journalist berichtete, Gefangene seien aus dem Gefängnis geströmt.

Polizei hoffte wohl auf Verstärkung aus der Hauptstadt

Ein Polizeisprecher sagte, es habe keine Verstärkung aus Kabul gegeben. Daher habe man die Stadt nicht halten können. Sarandsch wurde offenbar kampflos übergeben.

Die Taliban hatten in sozialen Medien Bilder gepostet, die ihre Kämpfer im örtlichen Flughafen und in Siegespose am Eingang der Stadt zeigten.

Ein Taliban-Kommandeur, der namentlich nicht genannt werden wollte, sah eine strategische Bedeutung in der Eroberung: "Dies ist der Anfang und Sie werden sehen, wie die anderen Provinzhauptstädte rasch in unsere Hände fallen."

Seit dem Beginn des Abzugs der NATO-Truppen aus Afghanistan haben die Taliban weite Teile Afghanistans erobert. Nachdem sie zunächst ländliche Gebiete überrannt und Grenzposten besetzt hatten, belagern sie mittlerweile zunehmend auch große Ballungszentren.

Schwere Kämpfe toben auch in Laschkar Gah, der Provinzhauptstadt der südwestlichen Provinz Helmand. Dort wurden nach UN-Angaben in den vergangenen Tagen Dutzende Zivilisten getötet, zahlreiche Familien flüchteten vor der Gewalt.

Regierungssprecher getötet

Derweil setzen die Taliban auch ihre Attacken auf hochrangige Regierungsvertreter in Kabul fort. Das Innenministerium meldete die Ermordung des Chefsprechers der afghanischen Regierung und des Präsidenten. Dawa Khan Menapal sei von Bewaffneten erschossen worden. Die Taliban reklamierten die Tat für sich.

Menapal leitete die Pressearbeit der Regierung und stand in dieser Funktion mit in- und ausländischen Medien in Kontakt. In den vergangenen Monaten hatte es in Afghanistan eine Reihe von Anschlägen auf Journalisten und Menschenrechtsaktivistin gegeben.

UN-Sicherheitsrat tagt zu Afghanistan

Über die Lage in Afghanistan wollte sich am Freitag der UN-Sicherheitsrat befassen. Der Vormarsch der Taliban und die Folgen für die Sicherheit in der Region sind auch das Hauptthema des Gipfels der zentralasiatischen Staaten in der turkmenischen Küstenstadt Awaza. 

Mit Informationen von Peter Hornung, ARD-Studio Neu-Delhi

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. August 2021 um 17:00 Uhr.