Afghaninnen bei einer Veranstaltung zum Weltfrauentag | AFP

Afghanistan Kritik am Singverbot für Frauen und Mädchen

Stand: 12.03.2021 00:13 Uhr

Mädchen und junge Frauen in Afghanistan dürfen nicht mehr in der Öffentlichkeit singen. Der Beschluss des Bildungsministeriums gilt als Zugeständnis an die Taliban - und könnte weitere Verbote nach sich ziehen.

Von Bernd Musch-Borowska, ARD-Studio Neu-Delhi, z.Zt. Hamburg

Das afghanische Bildungsministerium hat angeordnet, dass junge Frauen und Mädchen ab dem 12. Lebensjahr nicht mehr in der Öffentlichkeit singen dürfen, nicht mal die Nationalhymne. Höchstens bei Zeremonien und Veranstaltungen ohne männliche Teilnehmer.

Bernd Musch-Borowska ARD-Studio Neu-Delhi

Mädchen und junge Frauen dürften auch nicht mehr von männlichen Musiklehrern unterrichtet werden, berichtete der Fernsehsender Tolo News. Das Bildungsministerium hat die Anordnung inzwischen bestätigt.

Menschenrechtler empört

Afghanische Menschenrechtler reagieren mit Empörung. Dieser Plan verstoße gegen die Menschenrechte und auch gegen die afghanische Verfassung.

Musik sei schon immer ihr Lieblingsfach in der Schule gewesen, sagt Sara Habibi einem Reporter der Nachrichtenagentur Reuters. Musik gebe ihr Entspannung, ohne Musik könne sie sich ihr Leben gar nicht vorstellen.

Mögliches Zugeständnis an die Taliban

Die neue Vorschrift ist möglicherweise ein Zugeständnis an die Taliban, die nach einem jüngst bekannt gewordenen neuen Friedensplan künftig an der Regierung beteiligt werden sollen. Sie könnten auch mit von ihnen selbst ernannten Abgeordneten im Parlament vertreten sein.

Für junge Musikerinnen in Afghanistan sähe es dann schlecht aus. Während der Taliban-Herrschaft in den 1990er-Jahren waren Musik und Tanz verboten und die Rechte der Frauen stark eingeschränkt.

"Ich bin nach der Taliban-Herrschaft geboren, ich kenne das also nicht aus eigener Erfahrung. Aber unsere internationale Schule wurde wegen Drohungen der Taliban geschlossen", sagt Sara. "Deshalb ist jede Gruppe, die die Menschenrechte und die Rechte der Frauen beschneiden wollen, für mich inakzeptabel."

Situation hat sich verschlechtert

Auch Saras Freundin und Mitschülerin Rahima Rezayee machte sich schon im vergangenen Jahr Sorgen, als viele noch große Hoffnungen an das Friedensabkommen von Doha knüpften. Seitdem ist die Situation im Land schlechter geworden.

"Ich bin sehr besorgt über das Schicksal meines Landes. Der ständige Krieg, die Anschläge, wegen der Sicherheitslage können wir kein normales Leben führen", sagt Rahima. "Vor allem für Musikliebhaber wie uns ist das schwierig. Wir können doch nur dann weiter Musik machen, wenn es mehr Sicherheit gibt."

Immer häufiger gezielte Angriffe

Während die Verhandlungen zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung in Doha weiterhin feststecken, hat die Gewalt in Afghanistan deutlich zugenommen. Gezielte Angriffe und Anschläge auf Frauenrechtlerinnen,
Aktivisten und Medienvertreter sowie auf Wahlbeobachter, Politiker und Sicherheitskräfte von Polizei und
Armee gehören inzwischen zur Tagesordnung.

Der Druck auf die afghanische Regierung, endlich ein Friedensabkommen zu erreichen, ist groß. Zahlreiche afghanische Politiker und Gruppierungen sind offenbar bereit, dafür noch mehr Zugeständnisse an die Taliban zu machen. Möglicherweise auch bei den Rechten von Frauen und Mädchen.

"Wir müssen endlich Frieden schaffen"

Frieden sei das Wichtigste, sagte der frühere Präsident Hamid Karzai, einer der schärfsten Kritiker der afghanischen Regierung und ihrer westlichen Verbündeten zu einer Reporterin der Nachrichtenagentur AP. "Das afghanische Volk hat es sehr sehr eilig mit Frieden. Das kann sich keiner vorstellen. Wir müssen endlich Frieden schaffen, für uns und für die junge Generation."

Afghanistans junge Generation, insbesondere Mädchen und junge Frauen, bezahlt einen hohen Preis für den Frieden mit den Taliban. Das Singen in der Öffentlichkeit ist möglicherweise nur der Anfang der Verbote, die noch kommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. März 2021 um 06:08 Uhr.