Eine Straßensperre aus Reifen und Steinen in Afghanistan | EPA

Debatte um Afghanistan-Einsatz Rückkehr nicht in Sicht

Stand: 09.08.2021 14:03 Uhr

Die Folgen des schnellen Afghanistan-Abzugs werden am Hindukusch immer sichtbarer. Am Wochenende nahmen die Taliban auch Kundus ein. Doch welche Optionen bleiben dem Westen?

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Der militärische Vormarsch der Taliban droht zum Durchmarsch zu werden. Was auch in Deutschland eine Debatte darüber ausgelöst hat, ob und wie sich der eigentlich aufhalten ließe. Dass dies kurzfristig wohl kaum einen erneuten Einsatz der Bundeswehr zur Folge haben wird, stellte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Arne Collatz, klar: "Wir bräuchten dazu politische Ziele, wir bräuchten ein Mandat, wenn wir dort hineingehen wollen und auch politische Mehrheiten." Nichts davon sei erkennbar.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

"Und deshalb gehe ich nicht davon aus, dass wir kurz oder einen guten Monat nach Abzug der deutschen Kräfte darüber nachdenken sollten, wieder in einen Kampfeinsatz dort hineinzugehen", so Collatz.

Röttgen bringt neuen Einsatz ins Gespräch

Dann legte die Ministerin persönlich nach: "Sind Gesellschaft und Parlament dazu bereit, die Bundeswehr in einen Krieg zu schicken und mindestens eine weitere Generation lang mit vielen Truppen dort zu bleiben?", diese Frage warf Annegret Kramp-Karrenbauer in einer Erklärung auf. Und schickte diese Antwort gleich hinterher: "Wenn wir das nicht sind, dann bleibt der gemeinsame Abzug mit den Partnern die richtige Entscheidung."

Die Warnung der Ministerin, dass die Taliban nur in einem sehr harten und langen Kampfeinsatz zu besiegen seien, war auch eine Antwort auf Überlegungen ihres CDU-Parteifreunds Norbert Röttgen. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses hatte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einen abermaligen internationalen Militäreinsatz ins Gespräch gebracht - notfalls auch unter Beteiligung der Bundeswehr. Dem allerdings hatte sogleich Röttgens CDU-Parteifreund, Unionsfraktionsvize Johan Wadephul, widersprochen: "Der Bundeswehreinsatz wurde auf NATO-Ebene beendet." Er sehe weder politisch noch militärisch einen Ansatz für eine neue Einsatzentscheidung.

Auch die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann hält eine Debatte über ein erneutes militärisches Eingreifen der Europäer "nicht für statthaft", wie sie im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF sagte. "Jetzt ist die Zeit der Diplomatie", sagte Strack-Zimmerman.

Doch wird diese Stunde der Diplomatie je schlagen? Werden die sich militärisch zweifellos auf der Siegerstraße wähnenden Extremisten sich nun überhaupt noch irgendeiner Art von Druck beugen? Sei es, dass man versucht, sie doch noch zu einer Verhandlungslösung zu überreden oder mit dem Entzug von Finanz- und Entwicklungshilfen droht, an denen auch die Islamisten ein Interesse haben dürften?

Bundesregierung betont Verhandlungslösung

Die Geschehnisse vom Wochenende und das, was sich in Kundus gerade abspiele, führe nicht dazu, dass die Bundesregierung "am Montagmorgen ihre Prämisse" ändere - und die bestehe darin, dass nur eine politische Verhandlungslösung nachhaltigen Frieden bringen könne, erklärte die Sprecherin des Auswärtigen Amtes, Maria Adebahr. Deutschland werde den "diplomatischen Push", bei den Verhandlungen in Doha voranzukommen, nun noch einmal verstärken.

Doch auch als der Westen noch militärischen Druck entfaltet hatte, war es schwierig genug gewesen, dort voranzukommen. Nun hatten die Taliban am Wochenende unter anderem die strategisch und symbolisch wichtige Stadt Kundus im Norden unter ihre Kontrolle gebracht. Wo bis vor Kurzem noch die Bundeswehr im Einsatz war, wo sie ihre schwersten Gefechte zu bestreiten hatte.

So oder so zeigt sich nun, sagt auch der ehemalige Wehrbeauftragte des Bundestags, Hans-Peter Bartels, wie vorschnell der westliche Truppenabzug erfolgte. War doch stets die deutsche Haltung gewesen, vor einem Nachhauseholen der Soldatinnen und Soldaten die Verhandlungen in Doha abzuwarten: "Erst abzuziehen und dann darauf zu hoffen, dass sich die Taliban schon einigen wird mit der afghanischen Regierung, das war möglicherweise blauäugig von der amerikanischen Regierung", sagte Bartels im WDR.

Zahl der Binnenflüchtlinge steigt

Der SPD-Politiker jedenfalls fühlt sich nun bereits angesichts der Ereignisse in Afghanistan an das Ende des Vietnam-Kriegs erinnert. Da ist er nicht der einzige. Während einige Beobachter noch davor warnen, in Afghanistan drohe ein erneuter blutiger Bürgerkrieg wie in den 1990er-Jahren, befindet sich das Land aus Sicht vieler Einheimischer längst mittendrin. Die Zahl der Binnenflüchtlinge ist seit Anfang Mai rasant gestiegen.

Über dieses Thema berichtete B24 Aktuell am 09. August 2021 um 11:36 Uhr.