Ashraf Ghani | via REUTERS

Afghanistan Präsident Ghani ins Ausland geflohen

Stand: 15.08.2021 21:59 Uhr

Er habe damit Blutvergießen vermeiden wollen: Afghanistans Präsident Ghani ist aus dem Land geflohen. Nur wenige Stunden später nahmen die Taliban den Präsidentenpalast ein.

Der afghanische Präsident Ashraf Ghani ist angesichts des Vormarsch der Taliban auf Kabul außer Landes geflohen. "Er hat Afghanistan in einer schwierigen Zeit verlassen. Möge Gott ihn zur Rechenschaft ziehen", sagte sein politischer Rivale und Leiter des Hohen Rates für Nationale Versöhnung, Abdullah Abdullah. Zwei ranghohe Regierungsfunktionäre sagten der Nachrichtenagentur AP, Ghanis nationaler Sicherheitsberater Hamdullah Mohib, ein weiterer enger Berater und seine Frau hätten ihn begleitet. Laut Al Dschasira soll das Ziel Taschkent in Usbekistan sein.

Wenige Stunden nach seinem Abflug versuchte Ghani, der Bevölkerung seine Flucht aus dem Land zu erklären. Er habe vor einer schweren Entscheidung gestanden, schrieb er auf Facebook. Wäre er geblieben, hätten zahlreiche Landsleute den Märtyrertod erlitten und die Stadt Kabul wäre zerstört worden. Die bis nach Kabul vorgerückten Taliban haben nach seinen Worten in der Vergangenheit erklärt, dass sie bereit seien, blutige Angriffe in Kabul zu verüben, um ihn von der Macht zu vertreiben. "Ich entschied mich zu gehen, um dieses Blutvergießen zu verhindern."

Zuvor hatte die afghanische Regierung eine "friedliche Machtübergabe" angekündigt. "Es wird keinen Angriff auf die Stadt geben", sagte Innenminister Abdul Sattar Mirsakwal. Es solle eine Übergangsregierung gebildet werden. Laut Nachrichtenagentur Reuters widersprachen zwei Taliban-Vertreter dieser Ankündigung. Es werde keine Übergangslösung geben, die Gruppe erwarte eine vollständige Machtübergabe.

Verteidigungsminister Bismillah Chan Mohammadi erklärte, als Vertreter der Streitkräfte garantiere er die Sicherheit Kabuls. Die Menschen sollten nicht in Panik verfallen.

Inzwischen haben die Taliban die Kontrolle über den Präsidentenpalast in Kabul übernommen. Auf Fernsehbildern war zu sehen, wie sich Dutzende bewaffnete Kämpfer der Miliz in dem Gebäude aufhielten. "Unser Land wurde befreit und die Mudschaheddin haben in Afghanistan gesiegt", sagte einer von ihnen dem TV-Sender Al-Dschasira.

Taliban: Wird keine Rache geben

Zuvor hatten die Taliban versucht, die Furcht vor einer Schlacht um Kabul zu zerstreuen. Suhail Schahin, ein Unterhändler bei den Gesprächen mit der afghanischen Regierung in Katar, sagte der BBC: Man versichere den Menschen in Kabul, "dass ihr Hab und Gut und ihre Leben sicher sind". Es werde "keine Rache an irgendjemandem" geben, "wir warten auf eine friedliche Übergabe der Macht."

Die Taliban waren nach Angaben mehrerer afghanischer Beamter am Morgen bis in drei Randbezirke Kabuls vorgerückt.

Letzte Großstadt unter Kontrolle der Regierung

Kabul ist die letzte Großstadt des Landes, die noch nicht von den Taliban erobert war. Am Morgen war Dschalalabad im Osten an der Grenze zu Pakistan gefallen, ebenso die Provinzhauptstädte Maidan Shahr und Chost. Erst gestern hatten die Taliban auch die nordafghanische Metropole Masar-i-Scharif unter ihre Kontrolle gebracht. Die Islamisten hatten die Stadt seit rund einer Woche intensiv angegriffen. Bis Juni hatte die Bundeswehr in Masar-i-Scharif ihr Hauptquartier.

Die deutsche Botschaft in Kabul wurde geschlossen. Das Personal befindet sich am Flughafen. Erste Mitarbeiter sollen laut Außenminister Maas noch heute ausgeflogen werden. Auch andere Staaten, wie die USA, haben begonnen, ihr Botschaftspersonal in Sicherheit zu bringen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 15. August 2021 um 16:00 Uhr.