Ein bewaffneter Hazara in der afghanischen Provinz Maidan Wardak. | AFP

Afghanistans Hazara bewaffnen sich Kein Vertrauen mehr in die Armee

Stand: 18.02.2021 04:22 Uhr

In Afghanistan bewaffnet sich die Minderheit der Hazara, weil die Regierung gegen Taliban-Terror und IS nicht ankommt. Eine schlechte Nachricht für Kabul - und eine vertrackte Lage für die NATO.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Warten auf den nächsten heftigen Anschlag oder selber kämpfen? Hamidullah Asadi hat sich für den Kampf entschieden. In der Hauptstadt Kabul hat er Philosophie und Soziologie studiert, wollte eigentlich seinen Doktor machen. Aber statt seinen Kopf in die Bücher zu stecken, hat er sich der "Widerstandsbewegung für Gerechtigkeit" angeschlossen.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Das ARD-Studio Neu-Delhi erreicht Asadi über sein Handy. Er lebt jetzt in Maidan Wardak, einer Provinz in Zentralafghanistan. "Ich habe vorher an vielen Demonstrationen teilgenommen, um für unsere Rechte zu kämpfen. Dann hat es einen Anschlag auf unseren Protest gegeben, ich war ziemlich schwer verletzt", erzählt er. "Diese zivilen Proteste, die bringen doch nichts, damit erreichen wir nichts. Wir werden ja geradezu gezwungen, unsere Leute und unsere Dörfer zu verteidigen."

Hazara sind von der Regierung enttäuscht

Hamidullah Asadi ist ein Hazara und gehört damit einer Minderheit in Afghanistan an. Dennoch bilden die Hazara die drittgrößte ethnische Gruppe im Land. Sie sind Schiiten. In den Provinzen greifen die Taliban ihre Dörfer an, in der Hauptstadt Kabul werden die Hazara vor allem von Kämpfern des sogenannten "Islamischen Staats" (IS) attackiert, die Sunniten sind.

"Wir werden geköpft oder von Selbstmordattentätern zerfetzt, in Schulen und Unis", sagt Asadi. "Wir sind echt frustriert, da einfach nur noch zusehen zu müssen. Vor allem von der Regierung sind wir enttäuscht, deshalb müssen wir die Sache nun selbst in die Hand nehmen."

Die Soldaten der afghanischen Regierung haben in den Provinzen alle Hände voll damit zu tun, die verstärkten Angriffe der Taliban abzuwehren. Außerhalb des Landes sitzen sie zwar seit September 2020 gemeinsam an einem Tisch, um einen möglichen Frieden zu verhandeln. Die Verhandlungen sind aber mehr als zäh. Eine Vereinbarung noch lange nicht in Sicht.

Eine Gruppe bewaffneter Hazara auf Patrouillengang in der Provinz Maidan Wardak (Bild vom 9.01.2021). | AFP

Eine Gruppe bewaffneter Hazara auf Patrouillengang in der Provinz Maidan Wardak (Bild vom 9.01.2021). Bild: AFP

"Bald noch mehr militante Gruppen"

Mitte Januar hatte Donald Trump kurz vor seinem Abgang als US-Präsident noch einmal 2500 US-Truppen abziehen lassen. Alles in allem fühle es sich an, als säßen die Afghanen auf einem Pulverfass, dass jeden Moment explodieren könnte, sagt Hamidullah Asadi. Denn solange es keinen Frieden gibt, steigt die Unsicherheit bei den Menschen immer weiter an: "Bald werden vermutlich noch mehr militante Gruppen als jetzt schon hier operieren und Afghanistan in ein Schlachtfeld verwandeln: aus Feuer, Rauch und Asche. Deshalb müssen wir uns nun alle vorbereiten, damit wir uns verteidigen können."

Für die afghanische Regierung ist das kein gutes Zeichen, auch weil es das immer weiter bröckelnde Vertrauen in sie dokumentiert. Bislang standen die Hazara noch auf ihrer Seite. Und es gibt ohnehin schon starke Gegner wie die Taliban und den IS, mit denen die Regierung zu kämpfen hat.

Auch für die Entscheidung der NATO ist die derzeitige Lage vertrackt. Die Taliban drohen, es könnte zu einem "großen Krieg" kommen, wenn die NATO-Truppen nicht wie vereinbart Ende April aus Afghanistan abziehen. Hamidullah Asadi, der ehemalige Philosophie-Student, sagt: Ein einziger Aufruf ihres Anführers genüge, und Tausende Hazara stünden sofort zum Kampf bereit.