Zahlreiche Menschen versammeln sich in der Nähe eines Evakuierungskontrollpunkts auf dem Gelände des internationalen Flughafens Hamid Karzai in Kabul.

Hoffen auf Flucht aus Afghanistan "Weiß nicht, was aus uns werden soll"

Stand: 28.08.2021 12:59 Uhr

Während viele Staaten ihre Flüge bereits eingestellt haben, leiten die USA die letzte Phase der Evakuierungen aus Kabul ein. Für Zehntausende schwindet damit die Hoffnung, Afghanistan verlassen zu können.

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

Die Zeit drängt für die Zehntausenden Menschen, die noch auf Listen stehen, um aus Kabul herauszufliegen. Die meisten Nationen haben ihre Flüge bereits eingestellt, darunter Deutschland und mittlerweile auch Großbritannien und Frankreich. Die USA leiten die finale Phase ihrer Evakuierungen ein.

Silke Diettrich ARD-Studio Neu-Delhi

Mehr als 100.000 Menschen sind in den letzten Tagen ausgeflogen worden. Aber Zehntausende werden wohl zurückbleiben - in einem Land, in dem die Taliban nun wieder herrschen und noch radikalere Islamisten schon jetzt ihre Macht demonstrieren.

Risiko eines Bürgerkriegs

Der Anschlag vor dem Flughafen habe deutlich gezeigt, dass der Westen kaum noch in Afghanistan in der Lage sei, zu kontrollieren, welche Terrorgruppen sich dort etablieren würden, sagt Terrorismusexperte Peter Neumann im Interview mit CNN: "Es gibt ein großes Risiko, dass in Afghanistan auch weiterhin ständig Aufruhr herrschen könnte, ähnlich einem Bürgerkrieg, wo Anarchie und ständiges Chaos herrschen. Ein Nährboden für Terrorgruppen, die noch extremer sind als die Taliban."

Weg zum Flughafen wird immer schwieriger

Für die Menschen, die rauswollen, wird es immer schwieriger, auf das Flugfeld zu gelangen. Wer es auf gepanzerte Busse schafft, muss oft stundenlang darin warten, weil die Taliban sie nicht passieren lassen und die Gefahr vor weiteren Anschlägen enorm groß ist.

Malala, eine Studentin aus Kabul, musste gestern mit ihrer Mutter und ihrem Bruder wieder zurückkehren, zwölf Stunden hatten sie im Bus gesessen, der sie eigentlich ein Stück weit mehr in Richtung Freiheit hätte bringen sollen: "Die US-Soldaten haben die Tore zum Flughafen nicht aufgemacht, die sagen, wenn wir die öffnen, wäre genau das der Zeitpunkt, an dem sich die Kämpfer in die Luft sprengen würden."

"Wenn ich Glück habe, hebt mal einer den Hörer ab"

Viele Menschen schaffen es nicht einmal auf die Busse heraufzukommen. Wie Madschid, der aus Masar-i-Scharif mit seiner Familie schon vor Tagen in Kabul angekommen ist. Er hatte als Übersetzer für die Bundeswehr gearbeitet, dann wurde er Chef des Flughafens, den die Deutschen in Masar-i-Scharif mit aufgebaut hatten.

Seine Hoffnung wird mit jedem Tag kleiner, dass er noch einen Flieger der Luftbrücke erreichen kann: "Ich rufe fünf Mal am Tag an, bei der deutschen Einwanderungsbehörde und bei der diplomatischen Vertretung, die für die Evakuierungen zuständig ist. Wenn ich Glück habe, hebt mal einer den Hörer ab." Dann sage jemand, er solle warten. "Ich hoffe gerade jede Sekunde darauf, dass sie sagen, die Evakuierung kann jetzt erfolgen. Wir haben nur noch drei Tage Zeit. Wir können hier nur sitzen und warten. Ich weiß nicht, was aus uns werden soll."

Früher war Madschid dafür zuständig, alle Flüge zu kontrollieren, die in Masar-i-Scharif gestartet sind. Jetzt kann er für sich und seine Familie nicht einmal einen Platz auf einem Flieger organisieren, der sie alle in Sicherheit bringen würde.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 28. August 2021 um 12:05 Uhr.