Vom Erdbeben betroffene Menschen warten auf Hilfe. | EPA

Nach dem Erdbeben Schwierige Rettungsarbeiten in Afghanistan

Stand: 23.06.2022 08:35 Uhr

Nach dem schweren Erdbeben im Osten von Afghanistan gestalten sich die Rettungsarbeiten schwierig. Die betroffene Region ist nur schwer zugänglich, zudem fehlt es an Ausrüstung. Auch die Bundesregierung kündigte ihre Hilfe an.

Nach dem verheerenden Erdbeben in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion dauern die Rettungsarbeiten an. Mindestens 1000 Tote und 1500 Verletzte beklagten die Behörden, wie die staatliche Nachrichtenagentur Bakhtar meldete. In den Unglücksgebieten gruben Helfer Massengräber aus. Das gewaltige Beben hatte zahlreiche Bewohner gestern am frühen Morgen aufgeschreckt.

Mehrere Hilfsorganisationen sicherten dem Land unterdessen Unterstützung zu. "Es wird erwartet, dass die Zahl der Opfer noch steigen wird, da die Such- und Rettungsmaßnahmen noch andauern", teilte das UN-Nothilfebüro (OCHA) mit. UN-Generalsekretär António Guterres sprach den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus.

Karte Afghanistan, mit Hauptstadt Kabul und Region Paktika

Das schwere Erdbeben ereignete sich in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion Paktika. Das Zentrum des Bebens befand sich 50 Kilometer südwestlich der Stadt Chost.

Erdrutschgefahr an Zufahrtsstraßen

"Das Erdbeben in Afghanistan erschüttert ein Land, in dem rund 20 Millionen Menschen nicht mehr wissen, wie sie sich ernähren sollen", sagte der Welthungerhilfe-Landesdirektor in Kabul, Thomas ten Boer. "Die lokalen Behörden haben bereits signalisiert, dass Hilfe von außen willkommen sei. Das zeigt, dass aus eigener Kraft die Katastrophe, deren Ausmaß noch nicht genau bekannt ist, kaum zu bewältigen ist", so ten Boer.

Nach Angaben von OCHA wurden bis zu 1800 Häuser in den betroffenen Provinzen zerstört. Afghanische Medien berichteten, ein Dorf sei komplett zerstört worden. Die Bauweise in der armen und wirtschaftlich schwachen Region ist aus Kostengründen nicht erdbebensicher, viele Familien leben dicht zusammen.

Erschwert werden die Rettungsarbeiten durch den Zugang zur abgelegenen Bergregion. Schon in normalen Zeiten seien die Straßen dorthin schlecht, sagt Loretta Hieber-Girardet von den Vereinten Nationen. Von der Hauptstadt Kabul brauche es mehrere Stunden. Nun sei es auch noch gefährlich: "Starke Erdbeben, die den Boden erschüttern, machen hinterher Erdrutsche noch viel wahrscheinlicher. Dabei ist schon unter normalen Umständen 60 Prozent der Fläche von Afghanistan erdrutschgefährdet. Besonders groß ist die Gefahr nach heftigen Regenfällen, und genau solche hat es in diesem Teil Afghanistans zuletzt gegeben, und es sind weitere vorausgesagt."

Schwere Maschinen laut UN nicht vorhanden

Videos von vor Ort zeigen, wie Menschen mit bloßen Händen in den Trümmern, graben, um Überlebende zu finden und zu retten. Für Hieber-Girardet ist der entscheidende Punkt, ob rechtzeitig schwere Maschinen in die betroffenen Regionen gebracht werden können. "Ob es gelingt oder nicht, schnell genug schwere Maschinen hinzubringen, die die Menschen unter den Trümmern rausholen und Leben retten, das ist das Problem."

Ramiz Alakhbarov, der stellvertretende Gesandte der Vereinten Nationen in Afghanistan, hatte dabei zuletzt wenig Hoffnung gemacht. Denn es fehle momentan an den notwendigen Maschinen im Land, sagte er auf einer Pressekonferenz in Kabul. Für die Aufräumarbeiten vor Ort seien die lokalen Stellen zuständig, und da sei unbekannt, ob und welche Ausrüstung vorhanden sei. Er hoffe auf den Beistand der Nachbarstaaten. Die Türkei hat bereits Hilfsteams entsandt. Auch die Regierungen von China und Pakistan haben umgehend Hilfe zugesagt.

Die militant-islamistischen Taliban, die seit August 2021 wieder in Afghanistan herrschen, riefen eine Notsitzung des Kabinetts zusammen. Mehrere Hubschrauber wurden in die Unglücksregion geschickt, um den Menschen vor Ort zu helfen. Ein Regierungssprecher rief Hilfsorganisationen zur Unterstützung auf. Einige Hilfsorganisationen trafen bereits vor Ort ein.

Bundesregierung kündigt Hilfe an

Die Bundesregierung kündigte an, den betroffenen Menschen zu helfen, ohne die regierenden Taliban anzuerkennen. Die unmittelbare humanitäre Hilfe erfolge unabhängig von der politischen Lage, sagte Niels Annen, Parlamentarischer Staatssekretär im Entwicklungsministerium, im Deutschlandfunk. Laut Annen soll die deutsche Hilfe vorwiegend über internationale Nichtregierungsorganisationen und die Vereinten Nationen erfolgen.

Die Taliban seien weiterhin eine extremistische Organisation. Man müsse beim Umgang mit der afghanischen Regierung "sehr, sehr skeptisch bleiben", sagte Annen, der unter anderem auf die Diskriminierung von Frauen beim Schulbesuch verwies. "Wir haben den Eindruck, dass sich die Hardliner innerhalb der Taliban in den letzten Wochen und Monaten durchgesetzt haben", sagte der SPD-Politiker. Es gehe bei der Erdbebenhilfe nicht um die Taliban, sondern um Afghanistan. Wenn das Land nicht stabilisiert werde, habe das Auswirkungen auf die gesamte Region.

Die Bundesregierung hatte dem afghanischen Volk zuvor bereits "ihr tiefes Mitgefühl" ausgesprochen. "Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer und bei den vielen Verletzten", schrieb Regierungssprecher Steffen Hebestreit im Onlinedienst Twitter. Er bekräftigte, dass die Bundesregierung die Taliban weiter nicht anerkenne. Es gehe darum, schnell Hilfe zu leisten, dazu werde Deutschland im Rahmen der humanitären Hilfe beitragen.

Erdbeben der Stärke 5.9

Die US-Erdbebenwarte (USGS) vermeldete für das Beben die Stärke 5.9 sowie ein etwas schwächeres Nachbeben. Demnach befand sich das Zentrum des Bebens rund 50 Kilometer südwestlich der Stadt Chost nahe der Grenze zu Pakistan in rund zehn Kilometern Tiefe. Pakistanische Behörden hatten das Beben mit einer Stärke von 6.1 registriert.

Immer wieder kommt es zu schweren Erdbeben in der Region am Hindukusch und den Nachbarländern, wo die Arabische, die Indische und die Eurasische Platte aufeinander treffen. 1998 erschütterte ein Beben den Norden Afghanistans, mehrere Tausend Menschen starben. In Pakistan starben 2005 bei einem gewaltigen Erdbeben mehr als 75.000 Menschen, über 3,5 Millionen Menschen wurden obdachlos. Im Nachbarland Iran starben bei einem Beben 2003 mehr als 40.000 Menschen, die historische Stadt Bam wurde größtenteils zerstört.

Mit Informationen von Bettina Weiz, ARD-Studio Neu Delhi

Über dieses Thema berichtete am 22. Juni 2022 die tagesschau um 14:00 Uhr und MDR Aktuell um 14:05 Uhr.