Mehrere Menschen betrachten die Zerstörung durch ein Erdbeben in der Provinz Paktika im Osten Afghanistans. | AP

Erdbeben in Afghanistan Zahl der Todesopfer übersteigt 1000

Stand: 22.06.2022 20:11 Uhr

Die afghanischen Behörden melden nach dem schweren Erdbeben mehr als 1000 Todesopfer und mindestens 1500 Verletzte. Die Zahl könnte noch weiter steigen, da die Region abgelegen und nur schwer zugänglich ist für Helfer.

Bei einem verheerenden Erdbeben in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion sind nach offiziellen Angaben mindestens 1000 Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 1500 Bewohner im Osten Afghanistans seien nach dem Beben am späten Dienstagabend verletzt worden, meldete die staatliche Nachrichtenagentur Bakhtar.

Ein ganzes Dorf zerstört

Ein Augenzeuge berichtete der Nachrichtenagentur dpa von der Zerstörung in den betroffenen Gebieten: "Überall herrscht ein großes Chaos. Ich habe in einer Stunde hundert Leichen gezählt", sagte der Journalist Rahim Chan Chushal. "Das Grauen ist groß. Die Eltern können ihre Kinder nicht finden und die Kinder ihre Eltern nicht. Jeder fragt sich, wer tot ist und wer lebt. Die Häuser sind aus Lehm, und deshalb wurden sie alle durch die starke Erschütterung zerstört."

Nach Regierungsangaben wurden Dutzende Häuser in den Provinzen Paktika und Chost zerstört. Auch zahlreiche Tiere kamen ums Leben. Afghanische Medien berichteten, ein Dorf sei komplett zerstört worden. Die Bauweise in der armen und wirtschaftlich schwachen Region ist meist nicht erdbebensicher, viele Familien leben dicht zusammen. Zudem dürfte das Beben die Bewohner in der Nacht überrascht haben.

Weitere Opfer befürchtet

Der Katastrophenschutz befürchtet unterdessen eine noch höhere Opferzahl. Erschwert wurden die Rettungsarbeiten durch den Zugang zur abgelegenen Bergregion. Zwar wurden mehrere Hubschrauber in die Unglücksregion geschickt, um den Menschen vor Ort zu helfen. Helfer des Roten Halbmondes trafen auch schon in der Region ein, und die Taliban-Regierung in Kabul berief eine Krisensitzung im Präsidentenpalast ein.

Allerdings hat sich nach der Machtübernahme der islamistischen Taliban im Sommer 2021 und dem chaotischen Abzug der US-Truppen die internationale Gemeinschaft weitgehend aus Afghanistan zurückgezogen. Dies dürfte Hilfseinsätze im Erdbebengebiet deutlich erschweren. Die humanitäre Lage in Afghanistan hatte sich zuletzt extrem verschlechtert. Es fehlt etwa an Lebensmitteln und Medikamenten.

Weil vermieden werden soll, dass Hilfsgelder in den Händen der Taliban landen, werden die noch bestehenden Hilfen über die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen geleitet - dieses System könnte für eine dringend benötigte Notfallreaktion auf das Beben zu langsam sein.

Karte Afghanistan, mit Hauptstadt Kabul und Region Paktika

Das schwere Erdbeben ereignete sich in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion Paktika. Das Zentrum des Bebens befand sich 50 Kilometer südwestlich der Stadt Chost.

Taliban fordern internationale Hilfen

Regierungschef Hassan Achund, der fast nie öffentlich auftritt, rief in einem ungewöhnlichen Schritt "die internationale Gemeinschaft und alle humanitären Organisationen auf, dem von dieser großen Tragödie betroffenen afghanischen Volk zu helfen" und dabei keine Mühen zu scheuen. "Wir bitten Gott, unsere armen Leute vor Prüfungen und Schaden zu bewahren", sagte er in einer vom Taliban-Sprecher veröffentlichten Mitteilung.

Bilal Karim, ein Vizesprecher der Taliban-Regierung, schrieb bei Twitter: "Wir drängen sämtliche Hilfsgruppen, sofort Teams in das Gebiet zu schicken, um eine weitere Katastrophe zu vermeiden." Er sprach von etlichen zerstörten Häusern. "Wenn sich in irgendeinem Land ein so großer Zwischenfall ereignet, ist Hilfe aus anderen Ländern erforderlich", erklärte Scharafuddin Muslim, der stellvertretende Staatsminister für Katastrophenmanagement.

Der UN-Koordinator in Afghanistan, Ramis Alakbarow, teilte mit, Hilfe sei bereits unterwegs. "Wir glauben, dass fast 2000 Häuser zerstört wurden", sagte Alakbarow in einer von Kabul nach New York übertragenen Video-Pressekonferenz. Da die durchschnittliche afghanische Familie sieben bis acht Mitglieder habe und oftmals mehrere Familien unter einem Dach lebten, seien vermutlich sehr viele Menschen obdachlos geworden.

Der Generaldirektor der Nachrichtenagentur Bachtar, Abdul Wahid Rajan, schrieb bei Twitter, der afghanische Rote Halbmond habe 4000 Decken, 800 Zelte und 800 Küchensets in das betroffene Gebiet geschickt. Die italienische medizinische Hilfsorganisation Emergency, die weiterhin in Afghanistan im Einsatz ist, sagte, sie habe sieben Krankenwagen sowie Mitarbeiter in Gebiete nahe der Erdbebenzone entsandt.

Beben der Stärke 5,9

Die US-Erdbebenwarte (USGS) vermeldete für das Beben kurz vor 23.00 Uhr am Dienstag (Ortszeit) die Stärke 5,9 sowie ein etwas schwächeres Nachbeben. Demnach befand sich das Zentrum des Bebens rund 50 Kilometer südwestlich der Stadt Chost nahe der Grenze zu Pakistan in rund zehn Kilometern Tiefe. Pakistanische Behörden hatten das Beben mit einer Stärke von 6,1 registriert. Pakistanischen Angaben zufolge waren die Erschütterungen in weiten Teilen des angrenzenden Landes - so auch in der Hauptstadt Islamabad und selbst in Lahore im Osten des Landes - zu spüren. Mancherorts brach Panik aus, über Schäden oder Verletzte in Pakistan war nach ersten Angaben jedoch nichts bekannt.

Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif drückte im Internet seine Betroffenheit aus und stellte Hilfe für die Menschen im Nachbarland in Aussicht. Auch aus Europa wurde Unterstützung angeboten. Der Sondergesandte der Europäischen Union für Afghanistan, Tomas Niklasson, schrieb auf Twitter, die EU verfolge die Lage in dem afghanischen Erdbebengebiet genau und halte sich "bereit, Nothilfe zu koordinieren und zu liefern".

Internationale Solidarität

Papst Franziskus betete in Rom für die Opfer. "Ich drücke den Verletzten und denen, die vom Erdbeben betroffen sind, meine Nähe aus", sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche am Mittwoch am Ende der Generalaudienz vor Gläubigen und Besuchern auf dem Petersplatz. Er bete besonders für diejenigen, die ihr Leben verloren hätten und für deren Familienangehörige, erklärte der 85-Jährige.

Die Bundesregierung sprach "dem afghanischen Volk ihr tiefes Mitgefühl aus". "Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen der Opfer und bei den vielen Verletzten", Regierungssprecher Steffen Hebestreit im Onlinedienst Twitter. Er bekräftigte, dass die Bundesregierung die Taliban weiter nicht anerkenne. Es gehe darum, schnell Hilfe zu leisten, dazu werde Deutschland im Rahmen der humanitären Hilfe beitragen.

US-Präsident Joe Biden sei angesichts des Bebens "tief  betroffen", erklärte der Nationale Sicherheitsberater der USA, Jake Sullivan. Biden habe USAID und andere Partner der Regierungsbehörden angewiesen zu prüfen, wie den am stärksten Betroffenen geholfen werden könne.

Oft schwere Erdbeben

Immer wieder kommt es zu schweren Erdbeben in der Region am Hindukusch und den Nachbarländern, wo die Arabische, die Indische und die Eurasische Platte aufeinander treffen. Wegen der mangelhaften Bausubstanz vieler afghanischer Häuser sind die Schäden oft verheerend. 1998 erschütterte ein Beben den Norden Afghanistans, mehrere Tausend Menschen starben. In Pakistan starben 2005 bei einem gewaltigen Erdbeben mehr als 75.000 Menschen, über 3,5 Millionen Menschen wurden obdachlos. Im Nachbarland Iran starben bei einem Beben 2003 mehr als 40.000 Menschen, die historische Stadt Bam wurde größtenteils zerstört.

Über dieses Thema berichtete am 22. Juni 2022 die tagesschau um 14:00 Uhr und MDR Aktuell um 14:05 Uhr.