Ein US-Marinesoldat nimmt am Militärstützpunkt Shorab in der Provinz Helmand an einem Militär-Manöver mit der afghanischen Armee teil (Archivbild). | dpa

US-Militär in Afghanistan Erst aufstocken, dann abziehen

Stand: 23.04.2021 06:30 Uhr

Die USA wollen ihre Truppenstärke im Afghanistan kurzfristig verstärken, um den geplanten Abzug abzusichern. Der zuständige General McKenzie sieht die Zukunft des Landes ohne US-Militärpräsenz pessimistisch.

Um die internationalen Truppen bei ihrem Abzug aus Afghanistan zu schützen, werden die USA vorübergehend zusätzliche Soldaten in das Land am Hindukusch entsenden. "Wir werden zusätzliche Ressourcen hineinbringen, um die Kräfte beim Abzug zu schützen", sagte der Chef des US-Militärkommandos Centcom, General Kenneth McKenzie, im US-Senat in Washington.

Ein solches Vorgehen sei "normal" bei jedwedem Abzug, sagte der General. Er sei zuversichtlich, dass der Abzug gelingen werde. Bei einer anschließenden Pressekonferenz machte McKenzie keine Angaben über die Zahl der zusätzlich einzusetzenden Soldaten. Die Pläne für den Abzug würden derzeit weiter ausgearbeitet, sagte er.

General: Afghanisches Militär wird zusammenbrechen

McKenzie äußerte große Sorge über die künftige Sicherheitslage in Afghanistan. Ohne jegliche weitere amerikanische Unterstützung erwarte er einen Zusammenbruch des afghanischen Militärs. Er habe zudem Bedenken bezüglich der Fähigkeit der afghanischen Regierung, die US-Botschaft in Kabul zu schützen.

US-General McKenzie bei einer Anhörung im Senat | AP

US-General McKenzie glaubt nicht, dass sich die afghanische Armee ohne internationale Unterstützung gegen die Taliban behaupten kann. Bild: AP

Die Taliban seien heute mit rund 50.000 Kämpfern zahlreicher als 2011 und sie kontrollierten mehr Gebiete als vor zehn Jahren. Besonders fraglich seien die künftigen Fähigkeiten der afghanischen Luftwaffe, wenn die ausländische Unterstützung vor Ort wegfalle.

Die US-Militärführung hat den von Präsident Joe Biden bis zum 11. September angeordneten vollständigen und bedingungslosen Abzug nicht empfohlen. Sie hatte sich für einen allmählichen Rückzug je nach Sicherheitslage ausgesprochen, da ein Abzug bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Druck von den Taliban nehme und die Einflussmöglichkeiten der USA in Friedensgesprächen mit der Gruppe schwäche.

Die USA und ihre NATO-Partner wollen ab Anfang Mai mit dem Truppenabzug aus Afghanistan beginnen und den seit 20 Jahren andauernden Militäreinsatz am Hindukusch beenden. Derzeit ist der 4. Juli als Datum für den vollständigen Abzug im Gespräch. Insgesamt sind derzeit noch rund 9600 NATO-Soldaten aus 36 Staaten der Allianz in Afghanistan stationiert, darunter 1100 Bundeswehrsoldaten.

Kramp-Karrenbauer sieht Ziele erreicht

Nach Einschätzung von Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer wurden bei dem internationalen Militäreinsatz wichtige Ziele erreicht. "Al-Kaida hat über 20 Jahre ganz sicherlich nicht in dem Maße operiert, wie das der Fall war als es zu 9/11 gekommen ist", sagte Kramp-Karrenbauer dem Deutschlandfunk.

Auch seien Entwicklungen ermöglicht worden, die mit den Taliban an der Macht unvorstellbar gewesen wären. Wenn die Taliban weiter regiert hätten, "hätten wir wahrscheinlich bis heute keine Schule für Mädchen, keine Frauen auch in höchsten Ämtern bei Gerichten oder anderen Funktionen." "Die Vorstellung, dass man aus Afghanistan einen modernen Staat im Sinne des europäischen Levels macht, hat sich allerdings nicht realisiert", sagte die Ministerin. "Das waren auch Ziele, die von Anfang an nicht realistisch waren."

Bundesregierung will zivile Hilfe fortsetzen

Die Bundesregierung kündigte an, Afghanistan auch nach dem Abzug der Bundeswehr einen Beitrag zur Stabilisierung des Landes zu leisten. "Der militärische Einsatz war immer nur ein Element unseres Engagements", sagte Außenminister Heiko Maas den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Wir werden unsere zivile Unterstützung im Land auch künftig fortsetzen, denn eine gute und sichere Perspektive für die Afghaninnen und Afghanen zu schaffen, ist in unserem europäischen Interesse".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. April 2021 um 02:00 Uhr.