Bill Reynolds mit seiner Schwiegertochter Misty und dem Enkel Ian sitzen auf einem Sofa. | ARD Washington
Weltspiegel

Folgen von US-Atomtests "Unsere eigenen Leute haben uns getötet"

Stand: 11.04.2022 10:48 Uhr

In der Wüste Nevadas führten die USA in den 1950er- und 1960er-Jahren Atomtests durch. Die Strahlung verteilte sich weit im Land. Viele, die danach an Krebs erkrankten, kämpfen bis heute um Entschädigung.

Von Kerstin Klein, ARD-Studio Washington

Bill Reynolds sortiert alte Zeitungsartikel. Gemeinsam mit seiner Schwiegertochter Misty bastelt er an einem Album, will sein Leben festhalten, seine Geschichte, damit sein jetzt sechsjähriger Enkel Ian später nachlesen kann, was seinem Opa widerfahren ist. "Ich hätte das schon längst getan haben sollen", sagt Reynolds, denn die Ärzte prognostizieren ihm nicht mehr viel Zeit.

Kerstin Klein ARD-Studio Washington

Reynolds hat multiplen Krebs im Endstadium. Ausgelöst durch die Atomtests, die die USA in den 1950er- und 1960er- Jahren ein paar hundert Meilen südlich in Nevadas Wüste durchgeführt haben. Dort wurden 100 Kernwaffen zu Testzwecken oberirdisch gezündet, mehr als 800 weitere unterirdisch.

Die Atompilze der oberirdischen Detonationen waren weithin zu sehen - und auch die radioaktive Strahlung blieb nicht im abgesperrten Bereich, sondern verbreitete sich Hunderte, manchmal Tausende Meilen weit.

Die Bevölkerung war arglos

"Ich bin ein Opfer meiner eigenen Regierung", sagt Reynolds: "Wir hatten, als ich Kind war, im Kalten Krieg so große Sorge, dass die Russen uns mit Atomwaffen auslöschen könnten. Dabei waren es am Ende unsere eigenen Leute, die uns getötet haben."

Er erinnert sich gut, dass er sorglos die Früchte der Region aß, die Milch der Kühe von der Weide nebenan trank - alles hoch belastet vom radioaktiven Niederschlag, wie er heute weiß.

Die Generation seiner Eltern sei gar extra auf die umliegenden Berge gestiegen, um die Atom-Explosionen in der Ferne besser bewundern zu können. "Das war ein großes Ereignis", erinnert sich Reynolds: "Es gab ja sonst nicht viel hier in Emmett." Niemand habe sie gewarnt, auch nicht die Regierung.

Explosion einer Atombombe in der Wüste Nevadas in den 1950er-Jahren. | picture alliance / dpa

Explosion einer Atombombe in der Wüste Nevadas in den 1950er-Jahren. Bild: picture alliance / dpa

Auffällig viele Erkrankungen

Das Gem County in Idaho, in dem er lebt, ist eine der am stärksten verstrahlten Gegenden der USA, wie Messungen Ende der 1990er-Jahre ergaben. Viele in seiner Familie, in seinem Freundeskreis sind früh verstorben - an Krebs.

Reynolds Arzt, Dr. Bobby Chawla, sagt, überall auf der Welt nähmen Krebserkrankungen zu, aber vor allem die Häufung an bestimmten Krebsarten sei ihm schnell aufgefallen, als er vor ein paar Jahren in die Praxis in Bill Reynolds Nachbarstadt Caldwell wechselte:

Knochenmarks- oder Schilddrüsen-Krebs zum Beispiel. Ich war vorher Onkologe in Chicago. Und da habe ich in fünf Jahren vielleicht zwei Patienten mit Schilddrüsen-Krebs behandelt. Und das bei sehr viel mehr Patienten in der Praxis. Und hier hatte ich allein im ersten halben Jahr fünf solcher Patienten. Das war ein kompletter Schock für mich!

Alles wegen der nuklearen Strahlung der Atomtests, erklärte ihm damals ein älterer Kollege.

Blick von einer Anhöhe ins Gem County in Idaho (USA) | ARD Washington

Ein scheinbar idyllischer Anblick: Dass das Gem County stark verstrahlt ist, ist nur zu messen - nicht zu sehen. Bild: ARD Washington

Ukraine-Krieg weckt Ängste

Heute stehen die Atomwaffen - nach dem Ende des Kalten Kriegs in den Hintergrund getreten - wieder weit vorne in der Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.

Wenn Bill Reynolds in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, quält ihn das. Das Leid der Ukrainer, und auch die Sorge vor einem möglichen Atomschlag Russlands. "Ich will nicht, dass meine Kinder und meine Enkelkinder so etwas Schreckliches erleben. Ich bin bis auf den Krebs ein gesunder Mann, keine Herzprobleme, nichts, aber die Strahlung von damals bringt mich jetzt um. Das ist schrecklich."

Bill Reynolds | ARD Washington

Auf einmal ist ein Atomschlag wieder denkbar - für Strahlenopfer Bill Reynold auch wegen seiner eigenen Erfahrungen eine bedrückende Erkenntnis. Bild: ARD Washington

Manche Staaten zahlen, manche nicht

Er und andere Strahlenopfer kämpfen seit Jahren für eine Entschädigung ihrer Regierung. In drei US-Bundesstaaten haben Betroffene Geldzahlungen erhalten: in Nevada, Utah und Arizona. Aber in Idaho und anderen Staaten gehen Betroffene bis heute leer aus.

Und es scheint, als bleibe das auch so: Die Gesetzesgrundlage für die Entschädigungen läuft im Sommer aus, und bisher sind alle Versuche, diese zu verlängern und auch auf andere Staaten auszuweiten, gescheitert.

Diese und weitere Reportage sehen Sie im Weltspiegel - am Sonntag um 18.30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 10. April 2022 um 18:30 Uhr im Ersten.