Bewohner protestieren vor dem Büro von Gouverneur Andrew Cuomo in New York (USA) gegen die Zwangsräumung.

US-Mieter in der Corona-Krise Plötzlich in der Schuldenfalle

Stand: 12.08.2021 19:17 Uhr

Erst krank, dann arbeitslos - und dann ohne Wohnung. Das Coronavirus löst für manche Amerikaner eine fatale Kettenreaktion aus. Diese wirkt umso stärker in Städten wie Baltimore, wo es zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt.

Von Franziska Hoppen, ARD-Studio Washington

Langsam, mit wackligen Schritten, steigt Lashawn die steinernen Treppen vor dem Amtsgericht in Baltimore hinab. Ihre Tochter, eine Teenagerin, stützt sie. Die Familie kommt aus einer Anhörung. Ihr Vermieter wolle sie aus ihrer Wohnung räumen lassen, sagt Lashawn. Ihren Nachnamen will sie da lieber nicht nennen. Sie habe darum gebeten, die schon für den Folgetag angesetzte Räumung aufzuschieben, sagt Lashawn. Ob das geklappt hat, wisse sie aber erst am Nachmittag.

Franziska Hoppen ARD-Studio Washington

Es sind bange Stunden für die 44-Jährige. Lashawn war Krankenschwester auf einer Covid-Station. Bis sie sich selbst mit dem Virus ansteckte. Zunächst ohne schwere Symptome, doch dann kam der Nervenschmerz. Die Alleinerziehende konnte nicht mehr laufen und verlor ihre Arbeit.

Dann ging alles schnell. Verzug bei der Miete. Und plötzlich: Räumungsklage. "Ich habe nichts vom Staat erhalten", sagt Lashawn, "niemand hat mir Geld gegeben. Ich habe sogar erst gestern erfahren, dass ich zu sozialen Einrichtungen gehen gehen kann und dort Zuschüsse und Hilfe bekomme."

Das Geld kommt oft nicht an

Und genau hier liegt das Problem. Theoretisch gibt es für die geschätzten elf Millionen amerikanischen Mieter, die mit den Zahlungen hinterher sind, durchaus reichlich Unterstützung: Der Bund hat 47 Milliarden Dollar bereit gestellt. Aber praktisch komme das Geld oft einfach nicht an, erklärt Anwältin für Wohnrecht, Carisa Hatfield, die Mieter wie Lashawn vor Gericht vertritt.

Chaos, sagt Hatfield, sei wohl das beste Wort, um zu beschreiben, was Anwälte und Mieter in den vergangenen Wochen und Monaten durchgemacht haben. Völlig überlastete Behörden, ständig neue Regeln und Landkreise, die ganz unterschiedlich auslegen, wer wann welches Geld bekommt. Was ihnen zusteht, was sie in Anspruch nehmen können und was nicht, ob sie nun auf die Straße gesetzt werden oder noch einen Tag sicher in der Wohnung sind - das sei vielen Mietern unklar. Auch der Räumungsstopp, den die Gesundheitsbehörde CDC vorläufig erteilt hat, gilt nur in bestimmten Fällen.

Und so werden - trotz Pandemie und überlaufenen Obdachlosenheimen - in vielen Teilen des Landes weiter Menschen auf die Straße gesetzt. Auch Lashawn fürchtet sich davor, denn ihre Familie habe keine Verwandten, bei denen sie alle unterkommen könnten. "Ich werde wohnungslos sein", sagt sie und schüttelt resigniert den Kopf.

Es trifft mehr Schwarze

Was auffällt: So wie Lashawn kommen vor allem schwarze Mieterinnen und Mieter aus dem Gericht. Sie sind überproportional von dem Räumungen betroffen. So auch Tanya, eine junge Alleinerziehende in Turnschuhen und T-Shirt. Auch sie erkrankte an Corona und verlor ihre Arbeit. Bei ihr sind Arbeitslosengeld und Bundeshilfen zwar angekommen. Doch nicht genug, um alle Rechnungen zu begleichen. Und wie Lashawn hat auch sie kein Erspartes.

"Du musst entscheiden", sagt sie, "welche Rechnung du diese Woche zahlst und welche die nächste. Welches Kind Kleidung für die Schule bekommt und welches nicht. Das ist nicht fair." Nach der Räumung wird sie mit ihren drei Kindern vorübergehend in ein Hotelzimmer ziehen. Die hat die Stadt für solche Fälle angemietet. Zumindest noch bis Oktober. Vor allem die Ungewissheit danach mache ihr Angst.

Ein Paar fährt auf Elektro-Roller am Federal Hill Park in Baltimore vorbei. | AP

Die zwei Gesichter von Baltimore: Während sich das Zentrum glitzernd zeigt, ... Bild: AP

Kinder spielen Basketball in einem Park in der Nähe von heruntergekommenen Reihenhäusern in East Baltimore.

... herrscht in Vierteln wie East Baltimore große Armut.

Kein ausreichendes Eigentum - über Generationen

Beide, Tanya und Lashawn, kommen aus East Baltimore - ein krasser Gegensatz zum schicken, modernen Zentrum der Stadt, wo das Gericht steht. Je weiter der Bus in den Osten fährt, desto sichtbar ärmer werden die Wohnhäuser. Kaputte Fenster, Löcher in den Dächern, meilenweiter Leerstand und dazwischen immer wieder ein paar spärlich bewohnte Häuser unter bröckelnden Fassaden. Fast alle, die hier leben, sind schwarz. Das hat historische Gründe, sagt Anwältin Hatfield: "Die Menschen hier kommen zum Teil womöglich aus Familien, die über Generationen hinweg kein Eigentum ansammeln konnten, das sie hätte unterstützen können."

Historisch gesehen sei es für sie wegen Rassismus und Diskriminierung lange viel schwieriger gewesen, Eigentum zu kaufen. Heute sind statistisch gesehen 73 Prozent der weißen Amerikaner Hausbesitzer, aber nur 42 Prozent der schwarzen. Es gibt also deutlich mehr schwarze Mieter. Und die treffen in Städten wie Baltimore auf eine ausgewachsene Wohnungskrise. Weil es viel zu wenig bezahlbaren Wohnraum gibt, geht oft ein zu großer Prozentsatz des Einkommens für die Miete drauf. Und wenn der Job dann durch Corona wegbricht, wird es für Familien wie die von Tanya oder Lashawn besonders knapp.

US-Präsident Joe Biden hat zuletzt eindringlich an Bundesstaaten und Kommunen appelliert, die finanziellen Hilfen für Mieter so schnell wie möglich zu verteilen. Doch ob das passiert, bevor Lashawn und Tanya ihre Wohnung verliert, ist ungewiss.