Gedenkort für indigene Kinder | AP

Indigene in den USA Hunderte Kinder starben in Internaten

Stand: 13.05.2022 09:23 Uhr

Es ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte der USA, jetzt geht es um Aufarbeitung: In der Nähe früherer Internate für Indigene wurden Gräber und Überreste von Kinderleichen entdeckt. Die Zahlen dürften noch steigen.

Von Nina Barth, ARD-Studio Washington

Sie wurden aus ihren Familien gerissen, kehrten zum Teil nie zurück: Kinder von amerikanischen Ureinwohnern. In Internaten sollten sie umerzogen werden, ihre Geschichte und Kultur vergessen. Viele wurden gequält, misshandelt, missbraucht.

Nina Barth ARD-Studio Washington

Als US-Innenministerin Debra Haaland den Bericht über die Zustände in diesen Internaten vorstellte, kämpfte sie mit den Tränen. Was passiert sei, sei "herzzerreißend und nicht zu leugnen".

Mehr als 500 Todesfälle

Zwischen 1819 und 1969 gab es in den USA mehr als 400 dieser Zwangs-Internate für Kinder von Ureinwohnern, betrieben von der Bundesregierung oder Kirchen. In 19 Internaten habe es mehr als 500 Todesfälle gegeben, heißt es in dem Bericht.

An mehr als 50 Orten wurden markierte oder anonyme Grabstätten gefunden. Die Zahlen dürften noch steigen.

Haaland ist selbst Nachfahrin von Ureinwohnern. "Die Tatsache, dass ich heute hier als erste indigene Ministerin stehe, zeugt von der Stärke und Entschlossenheit der Ureinwohner. Ich bin hier, weil meine Vorfahren durchgehalten haben", so Haaland.

Anonyme Gräber in Kanada

"Der Kraft und dem Willen meiner Mutter und Großmutter habe ich mein Leben zu verdanken. Und die Arbeit, die wir mit der bundesstaatlichen Initiative zur Aufarbeitung leisten werden, wird tiefgreifende Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen haben." 

Die US-Innenministerin hatte den Bericht in Auftrag gegeben, nachdem im vergangenen Jahr in Kanada anonyme Gräber in ehemaligen Internaten für Kinder von Ureinwohnern entdeckt worden waren.

Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit

Deborah Parker vom Stamm der Tulalib in Washington ist die Vorsitzende einer Initiative aus mehr als 80 Organisationen, die sich um die Rechte der Ureinwohner und die Aufarbeitung der dunklen Vergangenheit kümmert. "So viele unserer Kinder sind weggeholt worden und nie zurückgekehrt", sagte sie im Fernsehsender PBS.

"Gerade erst hat mir ein Mitglied des Stammes der Ureinwohner Alaskas erzählt, dass seine Mutter im Keller eines der Internate eingesperrt wurde. Sie wurde an eine Heizung gekettet und sie wurde geschlagen - täglich", erzählte Parker. "Und diese Geschichten zu hören, zu wissen, dass unsere Angehörigen so unbeschreiblich gelitten haben, ist eine schwere Last."

Ein erster Schritt

Parker begrüßte, dass es die offizielle Untersuchung gegeben hat. Aber es müsse noch mehr passieren, sagte sie: "Das bedeutet, dass sich die Regierung entschuldigt, aber nicht nur entschuldigt, sondern dass es eine Art Entschädigung gibt."

"Ich habe kein Rezept für diese Entschädigung", so Parker. "Aber wir kommen gerade an den Punkt, an dem wir unsere Geschichte erzählen. Und ich denke, der Rest wird kommen, wenn wir unseren Älteren zuhören, wenn wir die Geschichten hören."

Der vom US-Innenministerium veröffentlichte Untersuchungsbericht könnte ein erster Schritt dahin sein. Die Aufarbeitung dürfte noch lange dauern. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 13. Mai 2022 um 05:37 Uhr.